Verzweiflung und Hoffnung auf Europa

Dramatik von Flucht und Gewalt: Theaterstück „Nach Europa“ in der Schlossgartenhalle

Atemlose Dialoge zeigen die Flüchtlingsproblematik. Ein roter Laserstrahl durchschneidet den künstlichen Nebel. Stimmengewirr, Geräusche. Maschinengewehrfeuer vielleicht sogar. Halb im Dunkel zwei Gestalten, die auf einem Holzgerippe auf einem stilisierten Boot – ein imaginäres Mittelmeer durchpflügen. Eine Stimme, wie hinter einer Nebelwand verborgen, ruft „Hilf mir, hilf mir“. So dramatisch beginnt das Stück „Nach Europa“, das Lukas Ullrich und Till Florian Beyerbach alias „Eure Formation“ am Mittwochabend, 20. März 2019,  in der Schlossgartenhalle zeigten.

Es ist ein atemloser Monolog zwischen zwei verzweifelten Flüchtlingen auf dem Weg nach Europa, die gegensätzlicher nicht sein könnten. Da ist der Christ (Lukas Ullrich), dessen Familie von Gotteskriegern getötet wurde, der Muslim (Till Florian Beyerbach) war einer, der für Gott getötet hat. Und nun sitzen sie also sprichwörtlich in einem Boot und halten sich ihre jeweiligen Visionen von Europa vor. Der Muslim kennt dieses Europa aus dem verbotenen Fernsehen und Internet. „Die Menschen hatten immer alles und gut zu essen, es war immer grün, sie hatten ungehemmten Sex“, der Christ hat eine andere Vision: „Ich sah Menschen, die frei waren, die hatten keine Not, sie stritten, aber sie brachten sich nicht um und sie lachten viel.“ Der Muslim sät Zweifel an seinen Motiven. „Was aber, wenn ich gesandt bin, um auch dort zu morden“. Der Christ wiegelt ab. Dann hätte er nicht den Weg übers Meer gewählt. Auch diese beiden streiten, aber bringen sich nicht um. „Du christliches Arschloch, du gehst mir auf den Sack“, wütet der eine, der andere entgegnet: „Du muslimischer Unmensch.“ Denn je größer ihre Not wird, desto mehr merken sie, dass sie aufeinander angewiesen sind, um zu überleben. Aber es ist nicht nur die Perspektive der beiden Flüchtlinge, die das Stück darstellt. In einer Szene fährt ein Kreuzfahrtschiff vorbei, und aus dem Dialog wird der ganze Zynismus der Situation deutlich: Da wird der ganze Zivilisationsmüll über Bord gekippt, die Schiffbrüchigen entdecken eine Milchschnitte! Aber das Kreuzfahrtschiff dreht ab. Dann wieder verwandeln sich die Schauspieler in die hohnlachenden Potentaten aus Politik und Wirtschaft, die sich gegenseitig in Menschenverachtung übertrumpfen, wenn sie sich ausmalen, wie man Schutzsuchende und Abhängige aufeinander hetzt. Sie sind sich ihrer Macht sicher.
Das Holzgerippe des Bootes setzt unterdessen Zeichen, die einzelnen Teile werden ständig umgruppiert. Mal liest man in großen Holzlettern „Europa“, mal „Rape“, mal „Hope“. Diese Hoffnung auf das Friedensprojekt Europa ist es wohl auch, was die Schauspieler antreibt.
Konkret wird das noch einmal, als Lukas Ullrich sich nach dem Ende des Stückes ans Publikum wendet und im Hinblick auf die Europawahl vor der zunehmenden Macht der Populisten warnt. „Ganz klar: Nein!“

Text und Foto: Thomas Zimmer, BNN