Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 04. August 2020

Wie ist es nun, Brüder und Schwestern? Wenn ihr zusammenkommt, so hat ein jeder einen Psalm, er hat eine Lehre, er hat eine Offenbarung, er hat eine Zungenrede, er hat eine Auslegung. Lasst es alles geschehen zur Erbauung!

1.Korinther 14,26

Der Gottesdienst lebt von den vielfältigen Gaben der Gemeinde.

Wenn ich das Evangelische Gottesdienstbuch lese, dann stelle ich fest, dass der Gottesdienst von der gesamten Gemeinde gestaltet wird. Manchmal frage ich mich, ob das auch so wahrgenommen wird. Gestaltet die anwesende Gemeinde den Gottesdienst?

Aus meiner Perspektive kann ich sagen, wie wertvoll ich den Gemeindegesang und das Vaterunser empfinde. Hier werde ich als Pfarrer getragen. Wie wertvoll dies ist, wurde mir deutlich, als in so manchem Gottesdienst in zwei Dörfern außerhalb von Greifswald kaum Gemeinde im Gottesdienst war und ich nicht den Eindruck bekommen konnte, dass mich die Gemeinde durch den Gesang und das Mitbeten des Vaterunsers trägt. Ich musste auch hier voll präsent und aktiv bleiben.

In den Gemeinden unseres Kirchenbezirks habe ich stets den Eindruck, dass die Gemeinde mich trägt. Ich wage gar zu behaupten, dass ich beim Vaterunser ins Stocken kommen könnte, die Gemeinde würde weiterbeten. Und das ist wertvoll.

Ich wage nun nicht zu sagen, dass dies alles schon dem entspricht, was der Apostel Paulus hier benennt. Wenn ich Paulus hier richtig verstehe, ist der Gottesdienst noch viel mehr eine Gestaltungsaufgabe der gesamten Gemeinde. Erst durch die vielen verschiedenen Beiträge und Gaben entsteht der Gottesdienst.

Im Kirchenkreis Egeln in Thüringen hat man sich zur Aufgabe gemacht, in allen Orten, in denen es eine Kirche gibt, an jedem Sonntag einen Gottesdienst zu feiern, obwohl es an Pfarrerinnen und Pfarrern fehlt. Dazu hat man eine eigene „Laienliturgie“ für jeden Sonntag entworfen. Auch wenn der Pfarrer, die Pfarrerin nicht kommt, wird Gottesdienst gefeiert.

Das finde ich eine evangelische Lösung. Denn der Gottesdienst hängt nicht am Pfarrer oder an der Pfarrerin, sondern an der Gemeinde. Die Gemeinde macht den Gottesdienst zum Gottesdienst.

Nicht ohne Grund sitzt der evangelische Pfarrer, die Pfarrerin auf der Seite der Gemeinde und kommt aus ihr. So lebt der Gottesdienst von den vielfältigen Gaben der Gemeinde.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

Archiv – Gedanken zur Tageslosung