Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 15. August 2020

Bedrückt nicht die Witwen, Waisen, Fremdlinge und Armen!

Sacharja 7,10

Christliche Nächstenliebe begrenzt sich nicht auf die mir Nahen.

Bei der Autofahrt hörte ich letztens das Interview mit einem humanistischen Philosophen, der sich gegenüber Religionen höchst kritisch zeigte. Denn, so sein Argument, diese würden Heil für die Eigenen und Gericht für die Fremden predigen. Nächstenliebe, so ein erneutes Argument, sei eben für den Nächsten und nicht für den Fremden.

Ich hätte gern mitdiskutiert, denn schon beim Gebot der Nächstenliebe bleibt Jesus ja nicht stehen. Er zieht die Nächstenliebe soweit aus, dass diese selbst den Feind umfasst.

Würde in der heutigen Tageslosung der Fremdling fehlen, könnte der Philosoph im Interview durchaus Recht haben. Witwen, Waise und Arme beschreiben die sozial Benachteiligten. Und diese lassen sich durchaus auf die eigene Familie, die eigene Nachbarschaft, den eigenen Staat beschränken.

Der Fremdling zeigt sich wie ein unregelmäßiges Verb, wenn man den Nächsten im Sinne von „der mir nahe Stehende“ definiert. Doch der Nächste ist christlich gesprochen viel weiter gefasst, als es uns manchmal lieb ist.

Christliche Nächstenliebe begrenzt sich nicht auf die mir Nahen. Vielmehr fragt sie: Wer bedarf meiner Liebe und Hilfe?

So unterscheidet die Tageslosung nicht zwischen nah und fern, sondern legt unser Augenmerk auf die sozial Benachteiligten. Diese sollen eben nicht benachteiligt werden.

Damit ist auch ein wichtiger Rechtsgrundsatz benannt: Vor dem Gesetz sind alle gleich, was selbst für den Fremden im eigenen Land gilt!

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

Archiv – Gedanken zur Tageslosung