Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 7. Juli 2020

Ich sprach, da ich weglief vor Angst: Ich bin verstoßen aus deinen Augen. Doch du hast mein lautes Flehen gehört, als ich zu dir schrie.
Psalm 31,23

Und doch weiß ich um einen, der mich in meiner Angst sieht und hört.

Jede Woche habe ich sie hochgeholt, die Kohlen für das ältere Ehepaar, das unter uns wohnte. Jedes Mal ging ich in den dunklen Kohlenkeller mit der Angst im Nacken, ein Ungetüm könnte mich in die Tiefen eines dunklen Nichts ziehen. Langsamen Schrittes bin ich die Kellertreppen hinunter gegangen. Angst kann lähmen! Waren die Kohleeimer dann gefüllt, rannte ich schwer bepackt die Kellertreppe hinauf ans Licht. Ich entfloh dem Ort der Bedrohung! Und jede Woche derselbe Ablauf. Ich wurde nicht aus Erfahrung klug. Die Angst blieb. Und doch ging ich jedes Mal erneut in den Keller.

Angst kann lähmen. Angst kann beschleunigen. Selbst vor der eigenen Angst will man manchmal fliehen und kann ihr doch nicht entkommen. Angst ist Grundbefindlichkeit meines Lebens, Ausdruck meiner Verletzlichkeit und Endlichkeit.

In meiner Angst kann ich auch denken, dass mich geliebte Menschen verstoßen oder verlassen, dass selbst Gott mich verstößt. Ich bleibe allein in meiner Angst. Ich fliehe und kann doch nicht entfliehen. Wer kann schon von sich selbst davonrennen?

Da hoffe ich, dass mich meine Angst nicht verstummen lässt, dass sie mich vielmehr zu Gott rufen lässt, dass es mir möglich wird, meiner Angst Worte zu geben. Ich will nicht sprachlos in meiner Angst bleiben. Und wenn es doch geschieht, will ich hoffe, dass es andere Menschen gibt, die meiner Angst Worte verleihen.

Ich will darauf hoffen, dass mich Gott in meiner Angst sieht und hört. Denn Angst ist schon schlimm genug. Doch in der eigenen Angst nicht wahrgenommen zu werden, allein zu sein, ist die Hölle.

Meine Angst werde ich nicht los. Sie kommt wieder – am Tag und in der Nacht. „In der Welt habt ihr Angst“, hat selbst Jesus zu seinen Jüngern gesagt.

Und doch weiß ich um einen, der mich in meiner Angst sieht und hört.

Darauf kommt es an!

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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