Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 26. Juli 2020

Wer sich des Armen erbarmt, der ehrt Gott.

Sprüche 14,31

Das ist Motiv und Maß eines Sozialstaates.

Rein nach meinem Gefühl haben wir es in letzter Zeit ständig mit Sprüchen zu tun. Selbst wenn dem so wäre, ist dies nicht gesteuert, da die Texte gelost werden. Daher kommt auch der Name „Losungen“.

Der Arme war in den Zeiten der Sprüche in aller Regel der Bettler, der am Wegrand saß. Man schaute auf ihn herab.

Besonders in Tempelnähe waren Bettler zu finden, da dort viele Gläubige ein- und ausging. In Indien kann man das bis auf den heutigen Tag vor Tempeln und Kirchen sehen.

Menschen schauen auf die Armen, die am Straßenrand betteln, herab. Da zeigt sich ein klares Gefälle von unten und oben. In anderer Richtung gilt dies auch für Gott, der oben im Himmel ist. Wir schauen auf zu Gott und herab zum Armen.

Wenn ich allerdings der Dynamik des Spruches folge, wird der erbarmende Blick nach unten zu einem ehrenden Blick nach oben. Gott verbindet seine Ehre mit dem Geschick des Armen.

Dabei ist Erbarmen weit mehr als ein Almosen. Es geht erneut um ein Beziehungsgeschehen.

Um im Bild des Obens und Untens zu bleiben, geht es um Hilfe, um ein Aufheben und Aufrichten. Der zum Betteln verdammte auf dem Boden sitzende Arme soll in einen neuen Stand gebracht werden, um aufrecht gehen zu können, um einer erträglichen Arbeit nachkommen zu können.

Das ist auch der Maßstab für die Arbeiter im Weinberg. Sie haben zwar unterschiedlich lang gearbeitet, aber sie erhalten alle den für einen Tag üblichen Lohn. Dieser reicht für das Nötige zum Leben. Weniger wäre für das Leben nicht ausreichend gewesen. Das ist Motiv und Maß eines Sozialstaates.

Und in alldem wird Gott geehrt. Denn wir glauben an einen menschenfreundlichen Gott.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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