Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 8. Juni 2020

Redet mit Jerusalem freundlich und predigt ihr, dass ihre Knechtschaft ein Ende hat, dass ihre Schuld vergeben ist.
Jesaja 40,2

Das Evangelium hat die Macht aus menschlichen Untiefen zu retten und zu befreien.

„Mit aller Wucht schlug er ein zweites und ein drittes Mal zu, jedes Mal mit dem Beilrücken … auf den Scheitel. Das Blut ergoss sich wie aus einem umgestoßenen Glas …“ So ist es bereits auf den ersten Seiten des wohl bedeutendsten Kriminalromans der Weltliteratur zu lesen. Und der Leser folgt dem Mörder Rodion Raskolnikow auf 700 Seiten auf seinem Weg zwischen Schuld und Sühne. Die Wende in diesem Werk mit epischer Wucht bringt die Prostituierte Sonja, als sie vom Mörder schier gezwungen wird, aus der Bibel die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus zu lesen. Das Evangelium selbst bringt zum Schluss die Wende und die Erlösung.

Über viele Seiten hinweg wird der Leser in die Abgründe der menschlichen Seele geführt, sodass dies kaum auszuhalten ist. Es ist eine Mischung aus Abscheu und Selbsterkenntnis, die einen weiterlesen lässt. Denn so mancher Abgrund erweist sich wie ein Spiegel für den Leser. Doch am Ende steht die Lösung, die Erlösung. Das Evangelium hat die Macht aus menschlichen Untiefen zu retten und zu befreien. Davon ist Fjodor Michailowitsch Dostojewski überzeugt. Das weiß er aus der Bibel, die in seiner eigenen Haft in Sibirien für mehrere Jahre einziger Lesestoff war.

Es ist diese große Frage der Menschheit: Wie können wir trotz menschlicher Schuld miteinander weiterleben? Es ist die große Frage der Bibel, die sich wie ein roter Faden durch die Bücher der Bibel zieht.

Und Gott selbst ist und bleibt der Hauptakteur. So schwer die menschliche Schuld auch sein mag, sie soll nicht das letzte Wort haben. Denn Schuld bringt Zerstörung und Tod. Doch diese sollen nicht siegen. Dazu ist Gott selbst auf den Plan getreten mit seiner Menschenfreundlichkeit und Vergebungsbereitschaft.

Denn darin besteht der Trost des Evangeliums.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan