Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 5. Juni 2020

Meine Tränen sind meine Speise Tag und Nacht, weil man täglich zu mir sagt: Wo ist nun dein Gott?
Psalm 42,4

Auch Christen weinen.

Der katholische Priester und Ordensgründer Vincenzo Pallotti (1795-1850) meinte: „Durch ein heiteres und frohes Gesicht können wir beweisen, dass die Nachfolge Christi unser Leben mit Freude erfüllt.“ Und der Philosoph und Pfarrerssohn Friedrich Nietzsche (1844-1900) wäre schier zum Glauben gekommen. Allerdings hielt er fest: „Die Christen müssten mir erlöster aussehen. Bessere Lieder müssten sie mir singen, wenn ich an ihren Erlöser glauben sollte.“

Weinende und traurige Christenmenschen tun sich nicht gut auf einer Imagebroschüre für Kirche und Glauben. Sie werfen mehr Fragen auf, als sie Antworten geben. Und doch habe ich so meine Fragen, ob Pallotti vielleicht das Richtige meinte, aber das mit dem Beweisen falsch sagte. Und ich frage mich, ob Nietzsche wahrlich zum Glauben gekommen wäre durch erlöstere Christen.

Denn so einfach ist es mit dem Christen als „Hans im Glück“ nicht. Gewiss gebe ich zu, dass ich schon glaube und hoffe, dass sich die Erlösung durch Christus auch in einem fröhlichen Gesicht abzeichnet. Griesgrämige, mürrische Christen sind wahrlich kein gutes Zeugnis für die Freude im Himmel über einen jeden der umkehrt. Wenn uns Gott zu einem Festmahl einlädt, dann dürfen die Festgäste das durchaus zeigen.

Und doch gibt es auch die andere, die schwere und notvolle Seite. Gott, der es über Gerechte und Ungerechte regnen lässt, lässt Christen wie Nicht-Christen Glück und Unglück, Freude und Not erleiden. Da sind dann Tränen tags und nachts keine Seltenheit.

Auch Christen weinen. Und sie können das ebenso schluchzend und den ganzen Körper durchzuckend wie andere auch. Die Psalmen sind voll solcher Erfahrungen. Unser Leben ist voll davon.

Und ich weigere mich, ein fröhliches Gesicht aufzusetzen, wenn ich traurig bin, nur um Fragen nach der Existenz Gottes zu vermeiden.

Allerdings will ich diese Fragen nicht zu den meinigen werden lassen, sondern umso fester an Gott hängen und ihm mein Leid klagen.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan