Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 30. Juni 2020

Mein Herz hält dir vor dein Wort: »Ihr sollt mein Antlitz suchen.« Darum suche ich auch, HERR, dein Antlitz.
Psalm 27,8


Ich muss gestehen, dass ich den Vers nicht verstehe. Müsste es nicht heißen: „Mein Herz hält mir vor dein Wort: …“? Dann würde es doch Sinn machen und es wird zu einer Selbstaufforderung, Gott zu suchen. Doch da steht nunmal, dass der Beter Gott selbst Gottes eigenes Wort vorhält. Außer es handelt sich um einen Fehler beim Abschreiben des Bibeltextes. Doch die verschiedenen Handschriften geben dazu keinen Anlass.
Also bleibe ich dabei, dass der Beter Gott selbst „Vorhaltungen“ macht. Und wenn ich noch den nachfolgenden Vers lese, ahne ich, was hier abgeht. Der Beter bittet Gott mit Nachdruck, zu seinem Wort zu stehen.
„Verbirg dein Antlitz nicht vor mir, verstoße nicht im Zorn deinen Knecht! Denn du bist meine Hilfe; verlass mich nicht und tu die Hand nicht von mir ab, du Gott meines Heils!“ (Vers 9)
Dann könnte man die Tageslosung wie folgt verstehen:
„Ich berufe mich auf Dein Wort und Deine Aufforderung, dass ich Dich, Gott, suchen soll. Und ich tue es auch. Darum bitte ich Dich, dass Du Dich vor mir nicht verbirgst, ja ich hoffe gar, dass Du zu Deinem Wort stehst, Denn ich bin auf Deine Hilfe angewiesen. Schaust Du, Gott, mich nicht freundlich an, entziehst Du mir den Lebensmut.“
So verstanden macht die Tageslosung für mich Sinn und ich hoffe, dass ich ihr keine Gewalt angetan habe.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan