Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 21. Juni 2020

Das ist ein köstlich Ding, dem HERRN danken und lobsingen deinem Namen, du Höchster, des Morgens deine Gnade und des Nachts deine Wahrheit verkündigen.
Psalm 92,2-3

So wollen Lob und Dank, Gnade und Wahrheit meinen Tag gestalten!

Das ist wahrlich eine geschwülstige Sprache: „Das ist ein köstlich Ding!“ Beim lauten Nachsprechen stelle ich fest, wie fremd mir diese Rede ist, auch wenn ich die Lutherübersetzung in aller Regel allen anderen Übersetzungen vorziehe. Alltagstauglicher und für mich näher ist da die Gute Nachricht: „Herr, es macht Freude, dir zu danken, dich, den Höchsten, mit Liedern zu preisen.“ Ich freue mich einfach. Es ist mir ein innerer Durchmarsch. Ich könnte auch das allgegenwärtige Wort, das mit g beginnt nehmen. Doch da glaubt mir niemand, dass dies zu meinem Gebrauchswortschatz zählt, und ich bestätige: Ich höre es nur von anderen!

Also bleibe ich lieber bei der Freude; sage, dass es gut und schön ist, dass ich es gern mache. Dabei kann ich mich gar noch mit Luthers Deutsch anfreunden. Das klingt ja doch irgendwie poetisch: „Das ist ein köstlich Ding.“ Das erinnert mich an ein köstliches Essen, das den Gaumen erfreut und den Magen füllt.

Und dann wird in paralleler Reihung aufgelistet: Dank und Lobgesang, Gnade und Wahrheit. Dabei verwende ich beide Wortpaare beinahe synonym: Lob und Dank sowie Gnade und Wahrheit. Und doch unterscheiden sie sich. Wenn ich danke, beziehe ich mich auf einen Vorgang oder Gegenstand, für den ich danke. Ich danke dem Geber für etwas, wobei die Betonung mehr auf dem „etwas“ liegt. Beim Lob liegt mein Fokus mehr auf der Person. Es geht um ein personales Geschehen.

Dass Gnade und Wahrheit eng aufeinander bezogen sind, ist für uns nicht selbstverständlich. Manchmal kann die Wahrheit, wie wir sie sehen und gebrauchen, sehr ungnädig sein. Doch laut biblischem Zeugnis stehen Gnade und Wahrheit im Dienst von Leben und Gemeinschaft. Sie können gar nicht anders, als aufeinander bezogen zu sein.

„Jemandem mal die Wahrheit zu sagen“, wie wir manchmal sagen, und dabei ungnädig vorgehen, geht da gar nicht. Denn es geht nicht einfach um „die“ Wahrheit, sondern um die Beziehung. Wenn man so will, ist Wahrheit relativ. Dabei meine ich nicht beliebig, sondern relativ im Sinne von einer gnädigen Beziehungsorientierung. Damit will auch gesagt sein, dass Gnade nicht ohne Wahrheit auskommt.
Denn Gnade wird zur Lüge, zur holen Phrase, wenn sie das Falsche und die Schuld verschweigt. Gnade handelt stets angesichts von Schuld, nie unter Absehung von dieser.
Und so wollen Lob und Dank, Gnade und Wahrheit meinen Tag gestalten!

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan