Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 4. Mai 2020

Die er aus den Ländern zusammengebracht hat von Osten und Westen, von Norden und Süden: Die sollen dem HERRN danken für seine Güte und für seine Wunder, die er an den Menschenkindern tut.
Psalm 107,3.8

Grund zum Danken und Loben gibt es genügend.

Ich kenne Not, Krieg und Vertreibung aus eigener Erfahrung nicht. Die 14 Umzüge meines Lebens hatten meistens gute Gründe und waren eher gewollt bzw. gut nachvollziehbar. Der einzige Umzug, der Anteile einer Vertreibung hatte, war jener im Rahmen des Pfarrvikariats aus dem warmen Freiburg ins einsame Stetten am kalten Markt auf der Schwäbischen Alb.

Das Volk Israel schaut auf mehrere Kriege und Vertreibungen zurück. Das kleine Volk im östlichen Mittelmeerraum war ständig irgendwie zwischen den Mühlrädern großer Völker und Nationen – bis auf den heutigen Tag, mag man ergänzen. Auch Hungernöte vertrieben die Israeliten aus dem eigenen Land. Sie wissen aus der eigenen Erfahrung, was es bedeutet, die Heimat verlassen zu müssen oder vertrieben zu werden. Besonders die Erfahrungen durch das babylonische Exil sitzen tief im Volksbewusstsein Israels.

So kann ich nachvollziehen, dass die Rückkehr aus der Vertreibung in die Heimat Grund zum Lob Gottes wird. Aus allen Himmelrichtungen waren sie zurückgekehrt bzw. wurden von Gott in die Heimat zurückgebracht. Dabei sind die vier Himmelrichtungen nicht unbedeutend, markieren sie doch Gottes Handlungsraum. Gott umspannt mit seinem Handeln alle Enden der Erde.

Grund zum Danken und Loben gibt es genügend. Und so stelle ich mir vor, dass sich jene mit Fluchterfahrung zu besonderen Gruppen im Tempel trafen und sich austauschten, sie erzählten sich von ihrem Erleben und sie lobten gemeinsam Gott – und das aus guten Gründen.

In unseren Orten gibt es Menschen unterschiedlicher Herkunft, Hautfarbe und Sprache. Viele sind geflohen. Krieg, Hunger und fehlende wirtschaftliche Perspektiven haben sie vertrieben. Und sie leben unter uns.

Ich steige nun nicht in dir wichtige Debatte über unsere oder die europäische Flüchtlingspolitik ein. Ich frage konkreter: Wo haben wir in unseren Gemeinden Kontakte mit geflohenen Menschen? Wo und wie teilen wir mit Ihnen unseren Glauben zu Jesus Christus? Wo und wie entstanden Räume und Möglichkeiten für die Schwestern und Brüder aus anderen Ländern bei uns in den Gemeinden Orte des Gotteslobes zu finden?

Wo dies geschieht, leuchtet die heutige Losung umso mehr!

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan