Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 31. Mai 2020

Wehe denen, die ein Haus zum andern bringen und einen Acker an den andern rücken, bis kein Raum mehr da ist und ihr allein das Land besitzt!

Jesaja 5,8

Es muss für alle reichen!

John D. Rockefeller gilt als erster Milliardär der Weltgeschichte. Auf die Frage, wann ein Milliardär zufrieden sei, soll er geantwortet haben: „Immer nach der nächsten Millionen.“ Vielleicht waren es ja solche Wehe-Worte wie die heutige Losung, die den gläubigen Baptisten zu einem der größten Philanthropen der USA werden ließ.

Das Prophetenwort stellt jedenfalls die Gerechtigkeitsfrage. Denn es kann nicht angehen, dass einige wenige Reichtümer anhäufen, die es anderen vielen unmöglich machen, das Nötigste zum Leben zu erhalten.

Konkret wird es an der Eigentumsfrage festgemacht. Denn der eigene Acker galt als die wichtigste Lebensgrundlage im sesshaft gewordenen Volk Israel. Die Frucht des eigenen Ackers sicherte das Leben der eigenen Familie und Sippe. Wurde dieser Acker genommen, gab es keine Lebensgrundlage.

Der Grundsatz hinter dem Wehe-Wort lautet: Es muss für alle reichen! Das verlangt nach einer Gesellschaft, die nicht notwendigerweise alle gleich macht, die jedoch darauf achtet, dass alle eine ausreichende Lebensgrundlage haben.

Das entspricht den Grundprinzipien einer sozialen Marktwirtschaft, die so prägend war für das Deutschland der Nachkriegszeit und die ihre Wurzeln in der jüdisch-christlichen Sozialethik hat. Einer solchen Marktwirtschaft wissen wir uns weiterhin verpflichtet, wobei stets neu darüber diskutiert werden muss, ob dies in ausreichender Weise geschieht.

Wo diese Grundsätze verlassen werden, wird auch der Gottesbezug verlassen. Gerade die Beziehung zu Gott, gerade die Verantwortung vor Gott verlangt danach, dass wir die Verantwortung füreinander und für jene, denen es zum Leben nicht reicht, entsprechend wahrnehmen.

Wie dies geschehen kann, wird stets Grund für politische und gesellschaftliche Debatten sein. Doch wo wir aufhören, darüber zu diskutieren, und Ungerechtigkeit einfach hinnehmen, bieten wir neue Gründe für die Wehe-Worte der Bibel gegen jede Ungerechtigkeit.

Jesus selbst nimmt diese Rede auf und kontrastiert jenen Schatz, den die Motten fressen, mit dem Schatz des Reiches Gottes. Jesus stellt damit auch die Frage nach den Prioritäten in unserem Leben.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan