Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 20. Mai 2020

Der Gerechte erkennt die Sache der Armen.
Sprüche 29,7

Doch wer sind die Armen? Was ist ihre Sache?

Wer in die Bibel schaut, entdeckt Noah als gerechten Menschen. Noah wird von Gott als „gerecht befunden“ (1Mose 7,1). Dabei denke ich zunächst an einen tugendhaften oder guten Menschen, der sich moralisch nichts vorzuwerfen hat. Das entspricht dem griechischen Verständnis von Gerechtigkeit, das unser Denken zutiefst geprägt hat. Ein gerechter Mensch ist ein moralisch guter Mensch.

In der Bibel wird gerecht allerdings anders gefüllt. Gerecht ist, wer mit Gott in Beziehung steht, denn allein von Gott kommt Recht und Gerechtigkeit her. Gerecht und Gerechtigkeit beschreiben daher die Beziehung zu Gott. Es geht zunächst um eine vertikale Beziehung.

Wer jetzt meint, dass ein so verstandener Gerechter seinen Kopf im Himmel trägt und alles Irdische vergisst, wird nicht nur heute mit der Losung eines anderen belehrt. Wer mit Gott eine gute Beziehung pflegt, ist an die Armen dieser Welt verwiesen.

Anders formuliert, folgt der Gerechte der Bewegung Gottes in die Welt. Denn die Gerechtigkeit Gottes besteht darin, dass Gott selbst zugunsten der Menschen handelt. Nur so versteht sich die Menschenfreundlichkeit Gottes.

Erneut anders formuliert ist der Gerechte in eine Kreuzesbeziehung gestellt. Der vertikale Balken verweist auf die Gottesbeziehung, der horizontale auf die Beziehung zum Mitmenschen. Nur so hält das Kreuz und wird als solches deutlich. Das Kreuz ist somit gerade das Gotteszeichen.

Doch wer sind die Armen? Was ist ihre Sache?

Den Armen werden wir zunächst recht weit fassen dürfen als jenen, der bedürftig und benachteiligt ist. Das kann sehr unterschiedliche Facetten haben. Und schlussendlich werden wir erkennen und bekennen müssen, dass wir vor Gott alle arm sind. Daraus folgert nun keine Egalisierung, sondern eine neue Solidarität mit den Armen.

Als selbst arm vor Gott, wende ich mich mit meiner Hilfe dem zu, dem ich mit meinem Möglichkeiten helfen kann. Es geschieht daher nicht von oben herab, sondern auf gleicher Ebene, auf Augenhöhe. Denn vor Gott sind wir alle gleich arm und seiner Zuwendung und Nähe bedürftig.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan