Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 11. Mai 2020

Maria setzte sich dem Herrn zu Füßen und hörte seiner Rede zu.
Lukas 10,39

Und doch ist es eine Art zweite Naivität.

Wenn ich mir so vorstelle, wie Maria wissbegierig zu Jesu Füßen sitzt, erfüllt mich eine Sehnsucht nach solchen Orten und Zeiten, wo ich abgeschirmt von allem anderen auf Gottes Wort hören kann.

Denn so muss es wohl mit Maria passiert sein. Sie hatte alles vergessen. Als Frau im Haus hätte sie sich mit ihrer Schwester Martha um das leibliche Wohl der Gäste kümmern müssen. Darin ist der Martha in ihrer Klage nur zuzustimmen. Maria vergisst ganz und gar die Anstandsregeln der damaligen Zeit. Auf den Beinen hätte sie sein müssen – in den Händen beste Speisen, in den Krügen Wasser oder gar Wein zu Ehren des hohen Gastes.

Doch anstatt auf den Beinen zu sein, sitzt sie unangemessen und offenkundig faul auf dem Boden. So musste es jedenfalls bei ihrer Schwester und wohl auch bei den anderen Gästen ankommen. Nur bei Jesus selbst ist es anders angekommen. Nach Jesus hat es Maria richtig gemacht.

Also stelle ich mir die Frage, wie und wo sitze ich meinem Herrn zu Füßen und höre seinen Worten zu. Wo sind Zeiten, in denen ich ohne Arbeitsorientierung die Bibel lese, wo ich nicht an die nächste Predigt, die nächste Bibelarbeit, die nächste Andacht in einem Gemeindekreis denke. Wo und wie ist es möglich, wie Maria einfach alles andere vergessend auf Jesus zu hören?

Wo dies geschieht, ist allerdings auch eine Gefahr damit verbunden. Könnte es sein, dass andere dies als Faulheit oder Dienstvergessenheit kritisieren und anmahnen? Könnte es sein, dass ich als Martha, als fleißiger Arbeiter in der Kirche, nicht besser wegkomme und angesehener bin?

Zur Ehre Marthas muss ich ja auch sagen, dass für die Arbeit keine Heinzelmännchen des Nachts kommen. Martha lag ja nicht falsch. Nur wohl in einem: Sie übersah, dass es im Leben Zeiten geben muss, die nicht durch Arbeit bestimmt werden, sondern durch das naive Hören auf Jesu Worte.

Dabei will ich den Begriff naiv ganz wörtlich nehmen. Es geht um eine Unvoreingenommenheit, durchaus Kindlichkeit im Umgang mit dem biblischen Text. Damit wird der Zweifel nicht ausgeklammert. Und doch ist es eine Art zweite Naivität, mit der ich der Maria gleich dem Wort Gottes zuhöre.

Diese will ich mir erhalten und bewahren.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan