Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 9. April 2020

Lasst uns gehen, den HERRN anzuflehen und zu suchen den HERRN Zebaoth; wir wollen mit euch gehen.

Sacharja 8,21

Boden unter den Füßen hat keiner, jeder wird nur gehalten von andern ‘nächsten‘ Händen

„Anflehen“ ist ein starkes Wort. „Bitten“ oder „Anfragen“ wären zurückhaltendere Worte gewesen. Und ja, ich habe Gott schon gebeten. Meine Gebete bestehen gut und gern aus Bitten an Gott. Im Gottesdienst kennen wir das Fürbittengebet. Doch wie sieht es mit dem Anflehen im Gottesdienst und bei mir ganz persönlich aus?

Im Gottesdienst empfinde ich unser Beten oftmals zurückhaltend. Es ist wichtig und auch tiefgängig, aber nicht unbedingt dringlich und flehend. Das Gewicht persönlicher Betroffenheit ist dem Gebet im Gottesdienst in aller Regel eher fremd. Doch genau das ist es, was beim Anflehen so bewegend geschieht: Ich bin persönlich betroffen und ich bin verzweifelt. Aus purer Verzweiflung heraus, flehe ich Gott an, er möge doch helfen, weil ich es selbst nicht kann und auch keinen kenne, der es könnte.

In solchen Zeiten war ich dankbar für alle, die mir signalisierten, dass sie mit mir oder für mich beten. Ich war nicht allein. Es war ein gemeinsames Flehen zu Gott. Es tat gut, dass sich andere meine Not zu eigen machten. Nicht nur geteilte Freude bringt zusammen, sondern auch geteilte Not. Manchmal tat es schon deswegen gut, weil das eigene Beten und Flehen irgendwie nicht mehr ging, dafür aber andere sozusagen stellvertretend beteten. Auch das bringt zusammen. Wo die eigenen Worte nicht mehr gefunden werden, finden sie andere für einen.

Auch gemeinsam erfahrene Not verbindet. So verstehe ich die Aufforderung „Lasst uns gehen“. Darin steckt Aufbruch und Bewegung. Not und Leid machen einen allzuleicht mut- und kraftlos. Nichts geht mehr. Ich kann nicht mehr. Ich will nicht mehr. Die Selbstaufforderung bringt eine neue Dynamik mit; und es geschieht gemeinsam.

Wo der einzelne zu schwach und antriebslos wird, hilft das gemeinsame Tun. In einem schönen Bild nimmt dies der jüdische Philosophen Franz Rosenzweig in einem Brief an seine Schwester auf:

„Meine liebe kleine Schwester, weißt du, dass es dir gar nicht leid zu tun braucht, dass du nicht selbst die Kraft hattest, dir ‘die Wahrheit mal richtig zu sagen, dir zu helfen‘? Denn kein Mensch hat diese Kraft. Kein Mensch kann sich selber helfen. (…) Boden unter den Füßen hat keiner, jeder wird nur gehalten von andern ‘nächsten‘ Händen, die ihn beim Schopfe packen, und so hält einer den andern und oft … beide sich gegenseitig. Diese ganze mechanisch unmögliche Halterei ist dann freilich erst möglich dadurch, dass die große Hand von oben alle diese haltenden Menschenhände selber bei den Handgelenken hält. Von ihr her und nicht von irgendeinem gar vorhandenen ‘Boden unter den Füßen‘ kommt allen diesen Menschen die Kraft, zu halten und zu helfen. Es gibt kein Stehen, nur ein Getragenwerden.“

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan