Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 6. April 2020

Wenn ich auch noch so viele meiner Gebote aufschreibe, so werden sie doch geachtet wie eine fremde Lehre.

Hosea 8,12

Gleichzeitig ein Gerechter und ein Sünder.

Die heutige Losung ist für einen Geburtstagsspruche eher nicht geeignet. Selbst als Konfirmationsspruch wird sie zu Irritationen führen. Für beide Anlässe bieten sich Zuspruch und Sprüche der Glaubensstärkung an. Der Gottesspruch beim Propheten Hosea ist da viel zu tadelnd.

Doch was ist, wenn ich diese Worte an mich ranlassen muss? Könnten sie auch auf mich zutreffen? Da kann Gott noch so viel reden, noch so viele Gebote nennen, ich lasse sie dennoch nicht an mich ran. Ich entziehe mich den Geboten Gottes.

Nun haben Gebote oder gar Verbote grundsätzlich keinen guten Ruf. Sie engen ein. Und Gehorsam ist schon lange kein Erziehungsziel mehr. Das liegt auch an den schlechten Erfahrungen, die wir in der Vergangenheit mit blindem Gehorsam gemacht haben.

Gottes Gebote entstammen seiner Bundestreue, lese ich. Sie wollen nicht knechten, nicht zerstören. Sie wollen Leben und Gemeinschaft voranbringen. Der Begriff Bundestreue zielt auf Gottes Beziehung mit seinem Volk und darauf, dass Gott an dieser Beziehung festhält.

Ich könnte es so schreiben: Gottes Gebote sind lebensdienlich und gemeinschaftsfördernd. Umso mehr frage ich mich, warum sie mir und wohl auch anderen so fremd werden.

Paulus schreibt mal davon, dass er das Gute, das er will, nicht tut, und das Böse, das er nicht will, tut. Irgendwie ist was durcheinander gekommen im Leben. Paulus ruft nach einer Lösung, nach Befreiung. Am Ende bringt ihm Christus die Befreiung.

Simul iustus et peccator, hat es Martin Luther genannt. Gleichzeitig ein Gerechter und ein Sünder. In dieser Spannung lebe ich. Und es wird wohl stets diese Spannung sein, die mir nicht nur in der Karwoche begegnet, sondern mein ganzes Leben lang.

Aus dieser Spannung heraus hoffe ich, dass mir die Gebote Gottes eben nicht fremd bleiben, dass ich sie als das wahrnehme und an mich heranlasse, was sie sind: Gebote für das Leben.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan