Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 17. April 2020

Sei mir ein starker Hort, dahin ich immer fliehen kann, der du zugesagt hast, mir zu helfen.

Psalm 71,3

Ich werde regelrecht auf Gott geworfen in aller Bodenlosigkeit.

Ich befürchte, dass ich mich wiederhole. Vielleicht sind es die schwierigen Zeiten, die diese Erkenntnis befördern, mich auf den Hintergrund dieser Bitten und Zusagen blicken lassen. Auch Psalm 71 ist aus der Not entstanden, wo nichts mehr selbstverständlich ist, wo mehr verloren erscheint oder verloren geht.

Warum nur sind die starken Lieder eines Paul Gerhardt oder Heinrich Schütz durch die Erfahrungen des 30-jährigen Krieges entstanden? „Herr auf dich, traue ich, lass mich nimmermehr zuschanden werden“, vertont Schütz Psalm 71. Und Gerhardt sind Frau und Kind gestorben. Sechs Jahre vor dem Amtsantritt Paul Gerhardts in Mittenwalde bei Berlin zählte man von den 245 Haushalten der Stadt gerade noch 42. Von 1.000 Einwohnern waren 250 verblieben. Beide haben ihre eigene Lebensgeschichte in ihren Liedern verarbeitet und Gottes Nähe gesucht besonders in Situationen, wo sie fraglich geworden war. Die nachhaltigsten Loblieder sind aus diesen Zeiten heraus entstanden.

Wenn die Welt keine Zuflucht mehr bietet, wo ich mich verloren wähne im Strudel der Anforderungen und Verzweiflungen, wo nichts mehr normal ist, sondern alles im Chaos der Zeit versinkt, suche ich nach einem Halt für meine suchenden Hände und einen festen Grund für meine wankenden Füße. Und ich hoffe, dass es Gott selbst ist, dem ich vertrauen darf, auf den ich bauen kann.

Wer bleibt mir, wenn nichts mehr bleibt? Ich werde regelrecht auf Gott geworfen in aller Bodenlosigkeit. Ich kann das Flehen nachvollziehen: „Sei mir ein starker Hort“, ein Zufluchtsort, an dem ich Ruhe finde angesichts der Anspannungen meines Lebens – Ruhe für die kreisenden Gedanken und die irrenden Gefühle.

In solchen Zeiten erscheint es mir wie ein Rettungsanker, dass Gott seine Hilfe zugesagt hat. Dabei bete ich in einer Mischung aus Glaube und Zuversicht, Unglaube und Verzweiflung. Wie kann es sein, dass mir die Tiefe dieser Psalmen erst da aufgeht, wo ich selbst in der Tiefe bin?

Wie kann es angehen, dass Loblieder aus Erfahrungen tiefster Trauer und Not erwachsen? Muss nicht das Gegenteil passieren?

Herr, bewahre mich davor, dass schwere Erfahrungen mich bitter machen, was allzu leicht passieren kann. Hilf mir zu erkennen, dass auch das Schwerste zu meinem Besten dienen kann.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan