Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 10. April 2020 Karfreitag

Durch seine Wunden seid ihr heil geworden. Denn ihr wart wie irrende Schafe; aber ihr seid nun umgekehrt zu dem Hirten und Bischof eurer Seelen.

1.Petrus 2,24-25

Boden unter den Füßen hat keiner, jeder wird nur gehalten von andern ‘nächsten‘ Händen

Ich wundere mich nicht, dass der Karfreitag der höchste evangelische Feiertag ist.

Irgendwie ist und bleibt es ein befremdliches Bild, das mir hier begegnet. Und diese Stelle im 1. Petrusbrief redet am deutlichsten vom leidenden Christus im Neuen Testament. Doch wie muss ich mir das vorstellen? Da leidet Christus und ich werde heil? Geht christliche Erlösung nur mit Wunden und Blessuren? Braucht Gott einen Gekreuzigten, um uns erlösen zu können?

Dabei ist uns dieser Gedanke gar nicht so fern, wie er manchmal erscheint. Da spendet jemand ein Organ für einen anderen, damit dieser weiterleben kann. Das geht nicht ohne Wunden. Da riskiert jemand sein eigenes Leben, um einen anderen zu retten. Da schützt ein Vater sein Kind vor einer Bedrohung und nimmt in Kauf, selbst verletzt zu werden. Uns ist das Ganze gar nicht so fremd, wie wir meinen.

Wenn ich die biblischen Texte vom leidenden Christus am Kreuz lese, muss ich unweigerlich an die Kreuzigungsdarstellung des Isenheimer Altars denken. Ursprünglich stand der Altar im Spital des Antoniterordens zu Isenheim im Elsass. Der Antoniterorden hatte sich der Krankenpflege verpflichtet und war bekannt für seine Behandlungen des sogenannten Antoniusfeuers, des Mutterkornbrandes, einer sehr schmerzhaften und tödlichen Erkrankung der Haut. Zu den Mönchen des Antoniterordens kamen die Menschen, die sich buchstäblich im Feuer der Hölle wähnten, solche Schmerzen hatten sie. Und genau für dieses Antoniterspital in Isenheimer sollte der Künstler Matthias Grünewald einen Altar schaffen. Dabei stellte er sich der Frage ‘Gibt es überhaupt eine gute Nachricht für diese kranken, sterbenden Menschen? Gibt es überhaupt ein Wort, das die entsetzlichen Schmerzen und Leiden aufnehmen kann? Welche Botschaft erweist sich als lebendig im Pesthauch der Verwesung?

Matthias Grünewald malte den Gekreuzigten mit den Wundmalen der Kranken. Der Sohn Gottes trägt die Krankheit der Leidenden. Gott selbst steigt hinab in mein Leiden und ist mir nahe. Und ich staune.

Ich begegne einem Gott, der selbst die Not, das Leid und die Schuld kennt, weil sein Sohn all dies auf sich nahm. Diesem Gottessohn kann ich meine verwundete Seele, selbst die tiefschwarze Seele anvertrauen. Ihm ist nichts davon fremd. Es überrascht ihn auch nichts, da er selbst all dies durchlitten hat. Ich begegne, Gott sei Dank, keinem Überflieger. Dieser Christus ist so was von geerdet. Ich wundere mich nicht, dass der Karfreitag der höchste evangelische Feiertag ist.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan