Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 25. März 2020

Alle miteinander bekleidet euch mit Demut.

1.Petrus 5,5

Kleider machen Leute.

Das „Regiment des Corona“ geht weiter und mir wird die Demut wie ein Mantel zum Hineinschlupfen hingehalten. Und ich zögere. Denn meine Kleidung sagt so einiges über mich aus. Sie zieht mich nicht nur an, sondern sie sendet auch eine Botschaft an andere. So sagen Milieuforscher, dass Kleidung ein wichtiger Indikator für die Milieuzugehörigeit ist. Meine Kleidung ist ein wichtiger Hinweis darauf, woher ich komme, von was ich mich bestimmen lasse. Kleider machen Leute!

Doch mal ehrlich. Was ist, wenn zu mir jemand sagen würde „Du bist so richtig demütig!“? Würde ich das als ein Kompliment auffassen oder verwirrt schauen? Demut hat keinen guten Ruf. Da denke ich zu schnell an Menschen wie graue Mäuse, die keine eigene Meinung haben, die in allem zurückhaltend sind, die man einfach übersieht. Demut hat keinen Platz in unserer Gesellschaft.

Ganz anders klingt es bei Johannes Chrysostomus, dem großen Kirchenlehrer des 4. Jahrhunderts: „Demut ist die Mutter aller Tugenden, die Elementartugend, aus der alles Gute hervorwächst.“ Der Mantel der Demut muss also aus edlem Zwirn sein, dessen Wert heute verkannt wird.

So ziehe ich ihn an. Dazu gehört zunächst Mut, denn ich will ja nicht klein und schwach, sondern groß und stark wirken. Dabei erkenne ich, dass die Mut bereits im Wort steckt. Demut ist nichts anderes als der Mut zum Dienst. Es geht gar nicht um Schwäche oder Zwang. Aus freien Stücken und aus guten Gründen entscheide ich mich dafür, anderen zu dienen.

Das sind wichtige Qualitäten für Führungspersönlichkeiten lese ich in der neueren Literatur. „Servant leadership“ steht hoch im Kurs: „Dienendes Leiten“. Gutes Führen und Leiten geschieht durch Dienen, besagt der hochgepriesene Ansatz. Hier werden die Fähigkeiten und Kompetenzen des anderen wahrgenommen, wertgeschätzt und entwickelt. Wahres Führen zeigt sich daran, dass andere groß werden. Das begegnet mir auch als Eltern: Erziehung ist Dienst an unseren Kindern, dass sie zum Leben bevollmächtigt werden.

Was würde das mit uns machen, wenn unsere Gemeinden solche Orte des gegenseitigen Dienens wären? Orte gegenseitiger Wertschätzung, Unterstützung, Bevollmächtigung. Denn ich soll ja den Mantel der Demut nicht allein anziehen, es soll miteinander geschehen.

Gern lese ich von den vielen Aktionen in den Gemeinden in Corona-Zeiten. Von Zeichen des Zuspruchs bis hin zu praktischen Hilfen beim Einkaufen. Wer groß rauskommen will, sollte anderen dienen, sollte demütig sein, hat schon Jesus gesagt.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan