Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 24. Dezember 2020

Weihnachten mal anders nach Lukas 2,1-15

Weihnachten war in der Vergangenheit ein Garant für volle Kirchen. An manchen Orten gab es zu Heiligabend für so manchen nur noch Stehplätze. Selbst bei mehreren Gottesdiensten am 24. Dezember musste man sich über das Kommen der Menschen keine Sorgen machen. Wie die Krippe unter den Weihnachtsbaum gehört, gehört der Gottesdienstbesuch zu Heiligabend. Liegt der durchschnittliche Gottesdienst im Kirchenbezirk Karlsruhe-Land bei über 6%, steigt er an Heiligabend auf ein Drittel.
In diesem Jahr wird es volle Kirchen nicht geben. Schon der Weg auf Weihnachten zu war beschwerlich. Was ist unter Coronabedingungen überhaupt noch möglich und verantwortbar? Kontaktvermeidung lautet das Motto unserer Tage. Planungen für die Familienweihnacht müssen überdacht werden, lassen sich nicht wie gewohnt umsetzen.
So mancher hat es schon ausgesprochen oder wenigstens gedacht: In diesem Jahr fällt Weihnachten aus! Doch ist dem so?
Als zur ersten Weihnachtszeit der Geschichte ein Gebot von Kaiser Augustus ausging, „dass alle Welt geschätzt würde“, fragte der hohe Kaiser in Rom auch nicht, ob es zu den Planungen der Menschen passt. Ganz gewiss passte es nicht zu jener jungen Frau namens Maria, denn „die war schwanger“. Und ich ergänze „hochschwanger“. Unter normalen Umständen begibt man sich da nicht auf eine beschwerliche Reise von Nazareth nach Bethlehem. Laut Google Maps dauert so ein Fußmarsch mit reiner Gehzeit um die 30 Stunden. Ich vermute mal, dass das zur damaligen Zeit mindestens eine 5-Tagesreise war.
Nun will ich nicht behaupten, dass die Senkwehen schon auf dem Weg nach Bethlehem einsetzten. Doch ausschließen will ich es nicht. Jedenfalls kamen sie in Bethlehem an und damit weitere Herausforderungen, „denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge“.
Man wird sich das so vorstellen müssen, dass Maria und Joseph bei Verwandten unterkommen wollten, deren Haus aber schon mit anderen Familienangehörigen voll war, die auch wegen der Volkszählung nach Bethlehem gekommen waren. So manche gute Lebensplanung wird da so einfach ohne eigenes Zutun über den Haufen geworfen. Rücksichtnahme Fehlanzeige!
Das erste Weihnachten der Weltgeschichte ist voller Zumutungen und Herausforderungen, diese zu gestalten. Letztlich wird ein Stall zur Geburtsstation und ein Futtertrog zur Wiege für den Sohn Gottes, den Herrn der Welt. Da singen wir mit Paul Gerhardts „Ich steh an deiner Krippen hier“ zu Recht: „Ach Heu und Stroh ist viel zu schlecht, Samt, Seide, Purpur, wären recht, dies Kindlein drauf zu legen!“ (EG 37,6)
Und denken und sind doch ganz froh, dass es nur Heu und Stroh waren. Wenn diesem Menschlein und Gott zugleich, Heu und Stroh Recht waren, dann können wir mit unseren vertrockneten und verdorrten Mühen und Sorgen zu ihm kommen. Denn Gott hat sich uns ans Herz gelegt und hat nicht danach gefragt, was wir Großes zu bieten haben. Wie jedes Menschenkindlein nicht fragt, ob es passt oder nicht, ob teure Babyausstattungen warten oder ein schäbiges Flüchtlingszelt, ist Gott in seinem Sohn zu uns gekommen – hinein in unsere Niederungen und Widrigkeiten. Gott hat sich uns in die Arme gelegt und ans Herz gedrückt.
Auch heute sind Menschen unterwegs auf der Flucht vor Krieg und Elend. Auch heute bedrohen Naturkatastrophen oder von Menschen gemacht Menschenleben. Wir erleben wie pandemische Ausläufer Lebensplanungen durchkreuzen, Existenzen bedrohen und Einschränkungen erforderlich machen. Das erleben wir, das sehen wir. Und doch gilt auch, dass es der Mehrzahl von uns dabei recht gut geht. Wir sind gut versorgt, haben nicht wie Jesus unseren Platz im Stall nehmen müssen, sondern im Haupthaus. Und doch geschieht es, dass der „Generation Mitte“, den 30- bis 59-Jährigen, nach einer Umfrage aus Allensbach die Hoffnung für die Zukunft fast völlig verloren gegangen ist. „Das gesellschaftliche Klima ist im Keller“, so die empirische Studie.
Es ist dunkel geworden in der Krise – wenigstens die Stimmung ist im Keller. Es ist Nacht, wie bei den Hirten, „die hüteten des Nachts ihre Herde“. Doch weihnachtlich gesprochen wird die dunkle Nacht der Menschen zum Ort der Engel, der Boten Gottes. Sie bringen Licht und Freude hinein. „Und der Engel sprach zu ihnen: Fürchtet euch nicht! Siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird; denn euch ist heute der Heiland geboren, welcher ist Christus, der Herr, in der Stadt Davids.“
Da strahlt das Licht vom Himmel in das Dunkel auf Erden. In ein angstvolles Sorgen kommt das „Fürchtet euch nicht!“ Das ist kein Appell, als ob man gegen Angst Furchtlosigkeit befehlen könnte. Es ist eine Zusage, denn Euer Land wird heil, euch ist der Heiland geboren.
Und so stimmen wir erneut „Ich steh an deiner Krippen hier“ an: „Wann oft mein Herz im Leibe weint und keinen Trost kann finden, rufst du mir zu: Ich bin dein Freund, ein Tilger deiner Sünden.“ (EG 37,5).
Ob man nun die apokalyptischen Reiter angesichts von Klimawandel, Flüchtlingsströmen und Corona bemühen muss oder nicht, sei dahingestellt, große Herausforderungen von notwendigen manchmal auch schmerzlichen Einschnitten bleiben sie allemal. Denen müssen und können wir uns stellen.
Denn wer Gott am Werk sieht, wer Gott in seinem Sohn Jesus Christus begegnet, darf sich mit neuer Freude und Kraft dem Leben mit seinen Widrigkeiten und Herausforderungen stellen. Da mag das so beliebte Weihnachtslied „O du fröhliche“ mit seiner ersten Strophe eine nochmals aktuellere Bedeutung erhalten: „Welt ging verloren, Christ ist geboren: Freue, freue dich o Christenheit!“ (EG 44,1)

Frohe Weihnachten und bleiben Sie auch im neuen Jahr von Gott behütet

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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