Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 21. Dezember 2020

Meine Kinder, lasst uns nicht lieben mit Worten noch mit der Zunge, sondern mit der Tat und mit der Wahrheit.
1.Johannes 3,18

„Es gibt Zeiten, – sagt er – vielleicht sogar Jahre, in denen die Liebe nur noch aus >Handlungen< besteht:

jemandem das Frühstück machen, die Fahrkarte für ihn kaufen, ihm die Tür aufhalten, den Abfall entfernen, höflich zueinander sein… Wer sagt denn, dass die Liebe abhandengekommen ist, nur weil man sie nicht mehr spürt?“
So lese ich bei Fulbert Steffensky. Liebe ist Tat für den anderen. Und ich frage mich unweigerlich, ob wir nicht in Gefahr stehen, Liebe mit einem bestimmten Gefühl gleichzusetzen, was wir dann vielleicht besser mit Sympathie oder Zuneigung beschreiben sollen. Doch ist mit Sympathie und Zuneigung schon alles oder schon das Wesentliche über die Liebe gesagt?
Ich frage weiter, ob es denn sein kann, wenn wir die Liebe mit unserem Herzen verbinden, wir nicht eher unseren Bauch meinen. Beim Verliebt sein sind es ja die Schmetterlinge, die da zu verorten sind. Das Herz meint nach biblischem Verständnis die Schaltzentrale des Lebens. Bei der Begrenzung auf das Gefühl ginge wahrlich viel verloren.
Liebe ist also Tat für den anderen. Liebe ist auch mit Wahrheit verbunden. Das erinnert mich an das Motto der indischen Hochschule, an der ich studiert und später unterrichtet habe. In großen griechischen Buchstaben stand es auf der großen Wand des Hauptgebäudes: Aletheuontes en agape. Und der Rektor meinte mit einem Lächeln, dass er ganz froh sei, dass es kein Besucher entziffern könne. Der Besucher würde sofort erkennen, dass weder Studenten noch Dozenten das umsetzen. Auf Deutsch steht da: „Lasst uns aber wahrhaftig sein in der Liebe!“ (Eph 4,15)
Dabei ergänze ich, dass Wahrheit in der Bibel ein Beziehungsbegriff ist. Wahrheit zeigt sich durch Treue in Gemeinschaft, im miteinander. Das hebräische Wort für Wahrheit ist Amen, was eben auch Treue heißen kann.
Und ich lerne, dass ich für die Liebe eine besondere Tatkraft und Beständigkeit brauche. Und ich frage mich, ob Liebe und harte Arbeit siamesische Zwillinge sind.
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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