Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 14. Dezember 2020

Wenn deine Gerichte über die Erde gehen, so lernen die Bewohner des Erdkreises Gerechtigkeit.
Jesaja 26,9

Wenn man nach der Bedeutung von Gerichten sucht, wird man auf der Seite der Bundeszentrale für politische Bildung fündig:

„Die staatliche Rechtsprechung soll der Gerechtigkeit im Einzelfall nach Maßgabe der jeweils geltenden Gesetze durch einen rechtskräftigen, d. h. endgültigen und ggf. zwangsweise durchzusetzenden Rechtsspruch und der Wiederherstellung des Rechtsfriedens dienen. Aufgabe des Gerichts ist es, in einem geregelten Verfahren für einen konkreten Fall den wirklichen Sachverhalt festzustellen und auf ihn das Recht anzuwenden, d. h., einen tatsächlich und rechtlich richtigen Entscheid zu treffen.“
Und so lese ich diese zwei Sätze zum wiederholten Male und frage mich, ob ich sie ansatzweise verstehe. Dabei kommen mir Sprüche wie „Vor Gericht braucht man drei Säcke, einen mit Papier, einen mit Geld und einen mit Geduld“ oder „Vor Gericht und auf hoher See ist man in Gottes Hand“ in den Sinn.
Die Tageslosung stellt eine enge Verbindung zwischen Gericht und Gerechtigkeit her, was selbst in beiden deutschen Wörtern angelegt ist. Gerichte sind an der Gerechtigkeit orientiert. Und von Gottes Gerichte lernen wir Menschen Gerechtigkeit.
Doch was ist in der Bibel mit den Gerichten Gottes und mit Gerechtigkeit gemeint? Wie ist es zu verstehen, wenn davon die Rede ist, dass Gott „barmherzig und gnädig“ ist, „Schuld, Übertretungen und Sünde vergibt, aber niemand ungestraft lässt“ (Ex 34,6f)? Ist das nicht widersprüchlich und paradox? Müsste es nicht Vergebung oder Strafe heißen?
Wenn ich es vom Ziel der Gerichte Gottes her verstehe, gehören Barmherzigkeit und Strafe zusammen. Denn Gottes Ziel ist die Wiederherstellung eines Lebens in Gemeinschaft. Übertretungen werden daher in der Bibel in erster Linie als Entzweiung gesehen, sie bedrohen und zerstören das gemeinsame Leben sowie die Gemeinschaft mit Gott.
So gesehen sind Gottes Gerichte niemals neutral. Gewiss nicht in dem Sinne, dass Gott den einen dem anderen gegenüber bevorzugt. Aber doch so, dass sie parteiisch für das Leben und für die Gemeinschaft sind. Am Ende soll selbst der Schuldige wieder in die Gemeinschaft geführt werden, soll auch für ihn das Leben möglich werden.
Ein für allemal hat Gott dies in seinem Sohn Jesus Christus gezeigt, indem wir angesichts des Kreuzes von Leben sprechen. So paradox es klingt: Wir glauben, dass Jesu Tod für uns Leben bedeutet.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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