Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 04. Dezember 2020

Es ist umsonst, dass ihr früh aufsteht und hernach lange sitzet und esset euer Brot mit Sorgen; denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf.

Psalm 127,2

Die Sorge oder der Plural Sorgen ist ein ambivalentes Wort. Im Sinne der Fürsorge oder des Versorgens oder wenn wir uns um jemanden sorgen oder wir etwas besorgen, hat das Wort sehr positive Konnotationen, ist positiv besetzt. Doch wir wissen nur zu gut, dass dieses positiv besetzte Sorgen zu einem sich Sorgen machen wer kann. Da ist es nicht mehr weit zu sorgenvoll. Und der Thesaurus nennt angsterfüllt, bange, bedrückt als wortverwandte Begriffe. „Sorge im Herzen bedrückt den Menschen; aber ein freundliches Wort erfreut ihn“, lese ich in Sprüche 12,25. Da kann die Sorge Lebensmut und Lebensfreude rauben. Die Motivation geht verloren. Man ist wie gelähmt. Nichts will gelingen, selbst das Essen nicht mehr schmecken.
Manchmal, so erlebe ich es, sind Mühen vergeblich, komme ich mir vor, wie der Kapitän auf einem Passagierschiff, der eine gute und ein schlechte Nachricht hat. Die gute „Wir fahren volle Kraft!“; die schlechte „Wir haben den Kurs verloren!“.
Da wird der Hinweis „Denn seinen Freunden gibt er es im Schlaf“ zu einer großen Verheißung. Denn war das menschliche Mühen zuvor umsonst (im Lateinischen mit frustra übersetzt), schenkt Gott nun im Schlaf oder anders formuliert umsonst (im Lateinischen gratis, aus Gnade).
Dazu eine Geschichte aus den chassidischen Erzählungen:
„Rabbi Schmelke pflegte, damit sein Lernen nicht allzu lange Unterbrechung erleide, nicht anders als sitzend zu schlafen, den Kopf auf dem Arm und zwischen den Fingern ein brennendes Licht, das ihn wecken sollte, so wie die Flamme seine Hand berührte. Als Rabbi Eli Melech ihn besuchte, bereitete er ihm ein Ruhebett und bewog ihn mit viel Überredung, sich für ein Weilchen darauf auszustrecken. Dann schloss und verhüllte er das Fenster.
Rabbi Schmelke erwachte erst am hellen Morgen. Er merkte, wie lange er geschlafen hatte, aber es reute ihn nicht, denn er empfand eine unbekannte Klarheit. Er ging ins Bethaus und betete der Gemeinde vor, wie es sein Brauch war. Aber der Gemeinde schien es, als hätte sie ihn noch nie gehört. Als er den Gesang vom Schilfmeer anstimmte, mussten sie den Saum ihrer Kaftane raffen, dass sie die rechts und links bäumenden Wellen nicht netzten. Später sagte Schmelke zu Eli Melech: ‚Jetzt erst habe ich erfahren, dass man Gott auch mit dem Schlafe dienen kann.’“
Und wer nun meint, nur schlafen zu müssen, damit ihn Gott beschenkt, lese in den Sprüchen nach: „Geh hin zur Ameise, du Fauler, sieh ihre Wege an und werde weise!“ (Sprüche 6,6)
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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