Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 29. November 2020

Seine Barmherzigkeit gilt von Geschlecht zu Geschlecht denen, die ihn fürchten.

Lukas 1,50

Mein Jahrgang 1964 war der geburtenstärkste überhaupt in Deutschland. Und mir wie den meisten anderen wurde mitgegeben: Wir, die Eltern, haben Deutschland wieder aufgebaut und mit Dir wird es weiterhin besser werden. Du kannst noch mehr erreichen.
Es war nicht schwer, an den Fortschritt zu glauben, er zeigte sich in vielen Bereichen der Wirtschaft, der Gesellschaft. Uns ging es gut; mit uns kann es nur noch besser werden. Spätestens mit der Jahrtausendwende bröckelte diese Zuversicht. Es ist gar nicht mehr so selbstverständlich, dass es der nachfolgenden Generation besser gehen wird.
Mit „Leistung lohnt sich“ bin ich groß geworden und habe es geglaubt. Meinen Kindern kann ich damit nur ein müdes Lächeln abgewinnen. Sie glauben es nicht mehr so einfach, weil die Gleichung nicht mehr so leicht aufgeht. Denn machen wir uns nichts vor. Unsere Klimaschutzherausforderungen haben wir noch lange nicht im Griff und die Wirtschafts- und Innovationskraft ist nach Südosten gewandert. Das sind alles Faktoren, die die Zukunft der nachfolgenden Generationen zum Guten wie zum Schlechten bestimmen werden.
Den adventlichen Tagestext hätte ich wahrlich vor 20 Jahren noch freudig aufgenommen, hätte ich doch in der für mich relevanten Welt und in meinem Leben genug Belege dafür gefunden. Stimmt, hätte ich gesagt.
Nicht erst seit Corona, doch durch Corona verstärkt, wird der Satz aus dem Lobgesang der Maria zu einem Hoffnungstext in schwierigen Zeiten angesichts einer offenen und durchaus ungewissen Zukunft. Das war damals nicht anders, als der Lobgesang der Maria entstand. Das waren widrige Umstände, Zukunft war fraglich geworden. Doch die stärksten Sätze des Vertrauens entstehen in ungewissen Zeiten.
In turbulenten Zeiten will ich darauf vertrauen und hoffen, dass Gottes Barmherzigkeit über die Generationen hinweg gilt und damit auch in Zukunft. Dabei will ich auch festhalten, dass ich keine Angst vor Gott habe, aber Respekt und Ehrfurcht schon. Und das ist gewiss kein Fehler angesichts der Tatsache, dass Gott nun mal Gott ist und ich einfach Mensch.
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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