Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 12. Januar 2021

Welcher Mensch ist unter euch, der hundert Schafe hat und, wenn er eines von ihnen verliert, nicht die neunundneunzig in der Wüste lässt und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet?
Lukas 15,4

Jesus konnte mit seiner Rede von den 99 Schafen mit einer großen Zustimmung unter seinen Zuhörern rechnen. Denn es war für einen Hirten selbstverständlich, dass er sich auf die Suche nach dem einen Schaf macht. Dazu gehörte auch, dass er die 99 Schafe, die er sicher hatte, verließ, um sich um das eine verlorene Schaf zu kümmern. Das Kopfnicken der Anwesenden war Jesus sicher.
Und wir heute nicken kräftig mit. Vor meinem inneren Auge sehe ich das Bild vom guten Hirten, wie es in so manchem Schlafzimmer hing oder noch hängt. Der gute Hirte kümmert sich um das verlorene Schaf. Richtig so!
Doch wenden wir uns mal den 99 Schafen zu und lassen diese nach dem Hirten fragen: Wo ist unser Hirte? Er hat uns verlassen! Er kümmert sich nicht mehr um uns! Sollte er sich nicht vielmehr um uns kümmern?
Was würde es für unsere Gemeinden bedeuten, wenn wir um des anderen willen, die Zumutung der eigenen Vernachlässigung zulassen und aushalten? Und wie könnte ein Predigen und Handeln aussehen, das darauf vorbereitet und dies begleitet?
Was macht es mit uns, wenn wir plötzlich feststellen müssen, dass es ja gar nicht mehr um das eine verlorene Schaf geht, sondern es wo möglich schon 40 oder 60 sind? Ist uns das so vor Augen? Was macht es mit uns, wenn es nicht mehr in erster Linie und vor allem um die eigenen religiösen oder menschlichen Bedürfnisse geht, sondern um die Suche nach jenen Menschen, denen Gottes Liebe auch gilt, die jedoch davon noch zu wenig oder gar nichts gehört haben?
Der große katholische Theologe Karl Rahner hat bereits vor 50 Jahren formuliert: „Einen Menschen von morgen für den Glauben zu gewinnen, ist für die Kirche wichtiger, als zwei von gestern im Glauben zu bewahren, die Gott mit seiner Gnade auch dann retten wird, …“
Die von uns so gepriesene Suche des Hirten nach dem verlorenen Schaf hat eine Kehrseite, die Schattenseite der Vernachlässigung.
Sind wir bereit, uns auf der Seite der 99 Schafe zu sehen und den Hirten ziehen zu lassen? Oder sehe wir uns immer wieder und ständig neu als das eine verlorene Schaf, das zu suchen ist, obwohl wir doch bereits von Gott gefunden wurden?
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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