Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – Karsamstag

Der Karsamstag ist der Zwischentag zwischen Karfreitag und Ostern. In den meisten liturgischen Kalendern hat er keine eigene gottesdienstliche Bedeutung. Doch irgendwie passt der Karsamstag zu unseren schwierigen Zeiten. Wir sind im Tunnel der Krise, kommen irgendwie voran, aber das Ende ist noch weit. Die Zwischenzeit ist eine schwierige Zeit!

Jesus ist tot! Das ist die unweigerliche Botschaft des Karsamstag. Die Evangelien schreiben dem Karsamstag eine einzige Handlung zu: Den Beginn der Bewachung des Grabes, denn die Hohepriester und Pharisäer hatten Sorge, dass die Jünger den Leichnam stehlen und dann behaupten, dass er auferstanden sei. Jesus ist tot und soll tot bleiben! Auch das ist Karsamstag.

Man könnte noch ergänzen, dass sich Friedrich Nietzsche und Joseph Ratzinger hier einig sind. Beide sagen, dass Gott tot sei. Mit Nietzsche: „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ Wobei beide dann doch ein wichtiger Punkt unterscheidet. Während für Ratzinger dem letzten Tag der Karwoche der Ostersonntag folgt, ist bei Nietzsche der Samstag kein Sonnabend, da folgt kein österlicher Sonntag. Gott bleibt tot!

Doch bleiben wir beim Karsamstag. Er stellt eine Zumutung dar. Karfreitag und Ostern haben ihre eigenen Dynamiken. Sie lassen irgendwie unsere Herzen höher schlagen.
Aber was passiert am Karsamstag, auch der „Stille Tag“ genannt? Papst Benedikt XVI. nannte diesen Tag den „Tag des Begräbnisses Gottes“. Karsamstag ist Tag der Grabesruhe, Totenstille, der Gottesfinsternis, der Gottesleere, Tag der Hoffnungslosigkeit, des Zweifels. Da steigt Gott selbst in Person seines Sohnes in die Gottesferne hinab –„hinabgestiegen in das Reich des Todes“.
Am Karsamstag ist die Höllenfahrt Christi in vollem Gange. Gott selbst geht in die Gottesferne. Und von Ostern her wissen wir: Gott selbst geht in die Gottesferne, damit Gott auch denen nahe ist, die selbst von Gott fern sind. Das ist Gottes Karsamstagshandeln. Und ein anonymer Christ schrieb dazu vor gut 1600 Jahren: „Der König schläft. Gott ist im Fleisch gestorben, die Hölle zittert vor Furcht.“

Karsamstag ist der Tag, an dem das Gebet gesprochen wurde, aber bevor es beantwortet wurde. Am Samstag geht es weiter, obwohl wir noch nicht sagen können, wie es ausgeht oder weitergeht. Am Karsamstag ist Wollen gefragt, ohne gleich das Vollbringen zu haben.
Am Karsamstag kann man schon zweifeln und verzweifeln und denken, es bleibe immer Karfreitag. Oder man verleugnet die Realität und tut so, als ob der Karsamstag schon Ostersonntag wäre. Er ist und bleibt der Zwischentag – zwischen Verzweiflung und Freude, zwischen Zerbrochenheit und Heilung, zwischen Verwirrung und Klarheit, zwischen schlechten und guten Nachrichten, zwischen Tod und Leben, Kreuz und Auferstehung. Karsamstag ist der Tag des Trauerns, des Ausharrens, des Wartens. Das kann ein ganz schön langer Tag sein, wenn vermeintlich nichts geschieht.
Jenseits von Eden bleiben wir Menschen „ante portas“, vor den Toren des himmlischen Jerusalems. Das gilt auch noch schmerzhaft nach Ostern! Und wir könnten Stunden und Tage verbringen, um uns gegenseitig zu berichten – von Mühen ohne Erfolg, von Krankheit ohne Heilung, viel Arbeit und wenig Lohn, Wollen ohne Vollbringen, Überforderung ohne Aussicht. Die Wortpaare ließen sich fortführen. Geschichten gebe es zu jedem Wortpaar ohne Ende – eigene und fremde. Lukas 24 formuliert die Erkenntnis von Karsamstag: „Und wir hofften doch, er sei es, der Israel erlösen werde.“ (Luk 24,21) Dahinter stecken enttäuschte Hoffnungen. Der Konjunktiv kann ja so erbarmungslos sein.

Aber auch das gilt: „Es ist nicht das Ende, es ist erst Samstag.“ Und so mancher nennt den Samstag „Sonnabend“. Der Samstag wird zum Vortag des Sonntags. Das Dunkel von Karfreitag prägt noch den Karsamstag, aber von Ostern kommt schon ein Licht in das Dunkel. Wir sind noch nicht da, doch das Licht am Ende des Tunnels weist den Weg. Denn „die Finsternis geht vorüber, und schon leuchtet das wahre Licht.“ (1Joh 2,8)

Wäre es denn so falsch zu sagen, dass viele Zeiten unseres Lebens letztlich vom Karsamstag geprägt sind? Es sind diese Warte- und Zwischenzeiten, die es gilt auszuhalten und zu leben. Der Karsamstag nimmt die Enttäuschungen des Lebens – Schuld, Not und Leid – nicht einfach weg. Der Karsamstag nimmt sie auf. Und doch ist der Karsamstag schon weiter. Der Karsamstag nimmt uns mit auf den Weg nach Ostern, zur Auferstehung von Jesus Christus.

Das Dunkel der Nacht mag uns noch umhüllen, aber wir sind auf dem Weg zum Licht, zum Leben.
Die wohl bedeutendste katholische Schriftstellerin des 20. Jahrhunderts Gertrud von le Fort (1876-1971) hat es so formuliert:
„Auch die Nacht hat ihre Wunder. Es gibt Sterne, die nur am Horizont der Wüste erscheinen. Es gibt Erfahrungen der göttlichen Liebe, die nur in der äußersten Verlassenheit, ja, am Rande der Verzweiflung geschenkt werden. Und eben das ist jene äußerste Liebe, die sogar in ihren eigenen Entzug einwilligt, darin aber zugleich die größte Annäherung an Gott erreicht.“
Da bekommt das bekannte Adventslied von Jochen Klepper einen österlichen Klang (EG 16,4):

Noch manche Nacht wird fallen
auf Menschenleid und -schuld.
Doch wandert nun mit allen
der Stern der Gotteshuld.
Beglänzt von seinem Lichte,
hält euch kein Dunkel mehr,
von Gottes Angesichte
kam euch die Rettung her.

So bleiben Sie von Gott behütet und im österlichen Glauben fröhlich!

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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