Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 19.07.2021


Wohl dem, dem die Übertretungen vergeben sind, dem die Sünde bedeckt ist!

Psalm 32,1

„Menschen sind Lebewesen, die fähig sind, unmenschlich zu leben.“ Mit dieser Feststellung lässt der Religionsphilosoph und Theologe Ingolf U. Dalferth sein dickes 2020 erschienenes Buch über die Sünde beginnen. Der Untertitel „Die Entdeckung der Menschlichkeit“ mag dabei irritieren, wenn von Sünde die Rede ist. Doch Dalferth räumt zunächst mit der aus seiner Sicht irrigen Annahme auf, dass der Mensch nur sich selbst verwirklichen müsse, auf dass sein eigenes edles und gutes Sein sich deutlich zeige. Hier werden Wunschbild und Realität verwechselt. Dagegen hält er fest: „Wir gehen unmenschlich miteinander um, wenn wir nicht durch Regeln, Gesetze und Gewalt daran gehindert werden.“

Dalferth nimmt den Leser auf eine Entdeckungsreise mit, die ihren Ausgangspunkt in der für ihn wichtigen Glaubensaussage hat, dass Sünder „keinen Schöpfer und keine Schöpfung“ kennen. „Sie leben gottlos.» Damit wendet er sich gegen die Gleichsetzung von Sünde und Moral, die uns so sehr geprägt hat. In dieser Tradition wurde Sünde mit der moralischen Verfehlung gleichgesetzt und das Eigentlich der Sünde verkannt. „Auch Sünder können moralisch gut handeln, aber das ändert nichts dran, dass sie Sünder sind.“

„Menschen sind Geschöpfe, die nicht leben können, ohne sich zu ihrem Schöpfer zu verhalten, mit dessen Gegenwart also zu rechnen oder das nicht zu tun. Tun sie es, leben sie nicht als Sünder. Tun sie es nicht, leben sie als Sünder.“

So liest sich sein Buch wie eine Einladung zum Glauben. Der Mensch wird aufgerufen, sich zu Gott zu verhalten. Dabei ist dieser Glaube ein Geschenk. «Jeder muss dazu erst durch Gottes Wort und Geist gebracht werden.»

Auf diesem Weg des Glaubens wird die Sünde der eigenen Gottlosigkeit bedeckt und kann die Entdeckung der Menschlichkeit gelingen. Denn Menschlichkeit ist eine Frucht der Gottesbegegnung.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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