Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 07.07.2021


Darin besteht die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt hat und gesandt seinen Sohn zur Versöhnung für unsre Sünden.

1. Johannes 4,10

„Die einzige Sünde sei, Menschen als Sünder zu bezeichnen“, sagte die Fremdenführerin am Lotustempel der Bahai in New Delhi. Das war 1994 und ist schon eine Weile her. Und doch scheint es mir wie die Wiederholung einer allgemein anerkannten Aussage. Die Sünde hat ausgedient. Sünde steht auf der Liste der verbrannten Begriffe, die tunlichst zu vermeiden sind – vergleichbar mit dem N-,Z- und B-Wort.

Wer so argumentiert, folgt in aller Regel zwei Argumenten, die nicht einfach von der Hand zu weisen sind. Zum einen ist da die lange Tradition der moralischen Fokussierung. Sünde gilt hier ausnahmslos als eine moralische Verfehlung. Sünder ist der moralische Underdog, der Übeltäter. Doch ehrbare Bürger sind nun mal keine Übeltäter und damit keine Sünder. Und zum anderen wird auf die fundamentale Christentumskritik des deutschen Philosophen Friedrich Nietzsche verwiesen, der Sünde als fiktives Problem für eine fiktive Lösung durch Jesus Christus entlarvte. Anders formuliert: Man braucht das Dunkel der Sünde, um die heilsame Bleiche der Erlösung gut darstellen zu können.

So wird also die Sünde entsorgt. Wer will schon Sünder sein? Auch im Gottesdienst wird vom Eingangsgebet und nicht vom Sündengebet gesprochen. Das Sündenbekenntnis ist irgendwie aus der Zeit gekommen.

Und doch will ich zu einer Gegenrede anheben. Denn wir sind allzumal Sünder – und das gilt für jeden Menschen. Dabei ergänze ich, dass dies eine allzumal menschliche Aussage ist. Sie macht uns zutiefst menschlich. Denn wir sind nun mal begrenzte Menschen und eben nicht Gott selbst. Die Rede von der Sünde bewahrt uns vor moralischer Entrüstung, die wieder stark im Kommen ist.

Wir sind eben Sünder, weil wir blind und taub sind für Gott selbst und damit für das Leben selbst. Indem wir meinen, das Leben ohne Gott bewältigen zu können, werden wir zu Sündern und bedürfen des Heils durch Gott.

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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