Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 06.07.2021


Suchet der Stadt Bestes und betet für sie zum HERRN; denn wenn’s ihr wohlgeht, so geht’s euch auch wohl.amen

Jeremia 29,7

Aus der Predigt von Landesbischof Prof. Dr. Jochen Cornelius-Bundschuh zum Karlsruher Stadtgeburtstag 2015:
Auf der biblischen Landkarte liegt Karlsruhe zwischen Jerusalem und Babylon.
Auf der einen Seite malt uns die Bibel das himmlische Jerusalem vor Augen, als Idealbild für menschliches Zusammenleben. Das himmlische ist nicht das heutige Jerusalem, das tief zerrissen ist durch viele Konflikte. Vielmehr geht es der Bibel um die Stadt der Zukunft, die Gott uns verheißt: in ihr leben Alt und Jung, Reich und Arm, Frau und Mann in Frieden miteinander. Menschen aus unterschiedlichen Nationen, Kulturen und Religionen begegnen sich in ihrer Unterschiedlichkeit und freuen sich aneinander.
Auf der anderen Seite steht Babel, Babylon, der Moloch, die unwirtliche Stadt, die Stadt der Ellenbogen, des jeder gegen jeden. Die Stadt, in der alle zuerst an sich denken und für sich kämpfen. Die Stadt, in der die Menschen ihre Grenzen über-schreiten und wenig Respekt haben, weder vor den Anderen noch vor Gott. Realistisch kann die Bibel all die sozialen Konflikte, das Misstrauen, die Anonymität beschreiben, die Städte gefährden. …
Was ist das Beste, das wir für die Stadt suchen? Die biblische Tradition macht die Schwachen zum Kriterium dafür, wie gut ein Gemeinwesen funktioniert und ob es vom Segen Gottes erfüllt ist. Das Beste der Stadt misst sich daran, ob und welchen Platz die Armen in ihr haben, ob gut für die Kranken und für die Sterbenden gesorgt ist, ob die Fremden und Flüchtlinge zu ihrem Recht kommen und gastfreundlich aufgenommen werden.
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Die Stadt, in der wir leben wollen, lebt nicht nur aus sich selbst und nicht nur aus unserer Anstrengung und Verantwortung. Wir wissen um die Grenzen menschlichen Denkens und Handelns: wir sind Menschen – nicht Gott. Deshalb gehören die Suche nach dem Besten und das Gebet für die Stadt zusammen. Hier haben wir Christinnen und Christen, die Kirchen, aber auch alle anderen Religionsgemeinschaften eine besondere Verantwortung und Aufgabe.
Wo sieben Tage die Woche rund um die Uhr gearbeitet wird, wo alles nur auf Leistung und Erfolg ausgerichtet ist, wo unsere Grenzen aus dem Blick geraten, verliert das Zusammenleben sein menschliches Gesicht.
„Suchet der Stadt Bestes und betet für sie!“ Die zweite Satzhälfte erinnert uns daran, dass Grenzen
heilsam sind. Dass wir Sonn- und Feiertage brauchen; dass wir nicht perfekt sein müssen, sondern
dass es zu unserer Menschlichkeit gehört, schwach zu sein, Fehler zu machen, loszulassen – am Ende
in Frieden zu sterben. Deshalb ist es für das Beste der Stadt wichtig, regelmäßig innezuhalten und
sich zu besinnen, im Gottesdienst, im Gebet, in der Stille. Uns zu vergewissern und es an-deren
zuzusagen, dass wir nicht alles in der Hand haben und nicht alles in der Hand haben müssen, sondern
aus der Gnade und dem Segen Gottes leben.
Gott ruft uns, als Einzelne, Gemeinden und Kirchen in die Verantwortung für unsere Stadt: „Suchet
der Stadt Bestes und betet für sie!“ Gott lässt uns nicht allein mit dieser Aufgabe, sondern sagt uns
Beistand und Segen zu: „Ich weiß wohl was ich für Gedanken über euch habe, spricht Gott: Gedanken
des Friedens und nicht des Leides, dass ich euch gebe Zukunft und Hoffnung.“ (Jeremia 29,11)
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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