Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 29.06.2021

Gott will nicht das Leben wegnehmen, sondern er ist darauf bedacht, dass das Verstoßene nicht auch von ihm verstoßen werde.


2. Samuel 14,14

2006 kam es in Lancaster County, westlich von Philadelphia, zum Amoklauf eines Mannes. Schwer bewaffnet drang er in die kleine Schule einer Amish Gemeinde ein. Die Amish sind eine evangelische Glaubensgemeinschaft, die bis heute auf Elektrizität verzichten und mit Pferdekutschen fahren. Sie ziehen sich heute noch so an, wie vor 300 Jahren. Am Ende starben fünf Mädchen und weitere fünf wurden schwer verletzt, der Amokläufer nahm sich das Leben und hinterließ seine Frau mit drei kleinen Kindern.
Die Frau und Kinder waren traumatisiert. Als der Amokläufer bestattet wurde, kam niemand aus der Nachbarschaft, niemand aus der evangelischen Gemeinde, zu denen die Familie zählte. Dafür war die Amish Gemeinde anwesend und reichte der verstörten Familie die Hand. Die selbst Trauernden standen bei den Verstoßenen, obwohl sie allen Grund gehabt hätten, die Familie jenes Mannes, der so viel Leid über sie gebracht hatte, anzuklagen und zu meiden.
Als „Amish Grace“ (Gnade der Amish) wurde dies in den USA bekannt. Ein Buch wurde darüber geschrieben, ein Film gedreht.
Und ich frage mich, ob ich es so wie die Amish hätte tun können. Und ich zögere, ich zweifle. Ich befürchte, dass mein Schmerz übergroß gewesen werde, mich gelähmt und unfähig gemacht hätte. Es gehört viel Mut und Kraft dazu, einen solchen Schritt der Barmherzigkeit gegen alle Wut und allen Zorn zu gehen.
Doch auch das wird wohl stimmen: Wut und Zorn essen Seele auf! Sie zehren auch das eigene Leben auf. Wo sie überwunden werden, kann wieder Leben wachsen.
Und ich erinnere mich daran, dass Gott das Leben nicht wegnehmen will.
„Amish Grace“, die Gnade der Amish geht mir nach.
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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