Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 08.06.2021


Der HERR spricht: Frieden mache ich zu deiner Wache und Gerechtigkeit zu deiner Obrigkeit.


Jesaja 60,17

Überlegungen zur Bedeutung eines Wortes: Schalom (Rabbiner Tom Kučera)
In seiner Urbedeutung meint das hebräische Wort Schalom Vervollständigung. Von diesem Substantiv gibt es auch das Verb lehaschlim – komplettieren, vervollständigen. Es deckt sich also nicht unbedingt mit dem deutschen Wort Friede. Wo Schalom ist, finden sich nicht nur Sicherheit und Ruhe, sondern auch Gesundheit und Freude. Im Hebräischen fragen wir, wenn wir wissen wollen, wie es einer Person geht: Ma schlomech – was ist dein Schalom? Wir erkundigen uns nach dem Wohlbefinden der Person, wir wünschen ihr, was für sie wertvoll ist.
Schalom ist mehr als Friede, es ist Zufriedenheit – Zu-Frieden-heit. Nicht der Zustand, sondern der Weg dahin. Gegen Ende jedes Gottesdienstes singen wir gerne das Lied „Osse Schalom biMromaw, hu ja’asse Schalom alejnu“ – derjenige, der den Frieden in seinen Höhen schafft, möge er auch für uns den Frieden schaffen. Schöne Worte, doch ein bisschen unlogisch. Dass wir den Frieden brauchen, ist verständlich. Doch warum soll er auch in den Höhen geschaffen werden, symbolisch in einem nicht-physischen, übermenschlichen, harmonischen Gebiet? Jüdische Tradition verstand die Höhen als die Darstellung zweier Elemente, Feuer und Schnee, die als Gegensätze nebeneinanderstehen, ohne sich gegenseitig zu beeinträchtigen. Sogar die Welt der Höhen, in der es zwar keinen Neid und Hass gibt, jedoch die gegensätzlichen Elemente Feuer und Schnee, braucht einen Schalom. Umso mehr braucht ihn die andere, die gewöhnliche Welt.
Schalom steht in der Hierarchie höher als die Wahrheit. Wieso? Wir kennen die Geschichte von Josef, der von seinen Brüdern verkauft wird, in der Sklavenschaft eine außergewöhnliche Karriere macht und seine Brüder später trifft und sogar in sein Haus aufnimmt. Als ihr Vater jedoch stirbt, fürchten sich die Brüder, dass Josef sich jetzt an ihnen rächen wird. Daher sagen sie zu ihm: »Dein Vater befahl vor seinem Tod: ‘Sagt Josef: Vergib doch deinen Brüdern’«. Das Problem ist, dass im Text vorher nirgendwo solche Worte des Vaters zu finden sind. Die jüdische Tradition schließt aus diesem textlichen Problem, dass diese Aussage eine reine Erfindung der Brüder ist. Aus welchem Grund? Mipnej Darkhej Schalom, wegen des Friedens, for peace. Die Notlüge scheint legitim, wenn Schalom gerettet werden kann, weil er höher als die Wahrheit steht. Wahrscheinlich auch deswegen, weil er im Gegensatz zur Wahrheit nie endgültig gesichert ist. Der Friede dauert immer nur einen Augenblick, bis sich ein anderes Äquilibrium einstellt und neue Spannungen entstehen.

Ihr Martin Reppenhagen, Dekan

https://www.hagalil.com/judentum/feiertage/schabath/shalom.htm

Archiv – Gedanken zur Tageslosung