Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 10.05.2021


Die Furcht des HERRN ist der Anfang der Erkenntnis.


Sprüche 1,7

2010 war ich auf einem Kongress an der Universität von Arhus zu einem Vortrag geladen. Der Neutestamentler aus Princeton begann seinen Vortrag mit dem Hinweis, dass das Gebet eine wichtige Bedeutung für den Zugang zur Bibel hat und betete. Nach seinem interessanten Vortrag stand der Münchener Systematiker und Leibnitzpreisträger Friedrich Wilhelm Graf mit hoch rotem Kopf auf und schrie richtig Wut entbrannt in die große Runde, ob denn der Kollege aus den USA noch nie was von Johan Salomo Semler und von der Trennung von Religion und Wissenschaft gehört habe. Das Gebet als religiöse Handlung gehöre nicht zur Theologie als Wissenschaft! Und so entstand eine heftige Debatte darüber, ob ein Gebet zu einem wissenschaftlichen Vortrag gehöre oder nicht. Die Meinungen gingen stark auseinander.

Wie ist es also mit der Erkenntnis bestimmt? Gilt das moderne aus der Aufklärung stammende „Cogito ergo sum“ („Ich denke, also bin ich“) oder die allgemeine wissenschaftliche Maxime „etsi deus non daretur“ („als ob es Gott nicht gäbe“)? Oder gilt „Ich glaube, also erkenne ich“? Das sind Fragen, die die Menschen bereits seit vielen Jahrhunderten beschäftigen.

Wie verhalten sich Glaube und Denken zueinander? Sie widersprechen sich nicht, ist meine simple Antwort. Sie bedingen gar einander, sind aufeinander angewiesen. So ist es nur stimmig, dass die Inschrift der Rektoratskette der Universität Zürich lautet: „Die Furcht des Herrn ist der Anfang der Erkenntnis.“ Dabei sei erwähnt, dass es bei dem Begriff Erkenntnis nicht um allgemeine menschliche Beobachtungen, wie sie u.a. in der Naturwissenschaft zu finden sind, geht, sondern um die Fragen der Weisheit geht: Wie verstehen wir das Leben? Wie gestalten wir es? Was sind die tragenden Säulen unserer Existenz?

Und hier macht sich nach dem Buch der Sprüche nicht der Mensch selbst zum Ursprung und Maßstab aller Weisheit und Erkenntnis. Vielmehr Gott ist es. Das bewahrt uns in aller Weisheit vor menschlicher Tyrannei und Eigensucht. Das haben auch die Mütter und Väter unseres Grundgesetzes zu Recht gewusst: Wir brauchen als Menschen ein Richtmaß außerhalb von uns.

Das ist weise und aller Erkenntnis wert!

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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