Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 29.04.2021


Mose wollte den HERRN, seinen Gott, besänftigen und sprach: Ach, HERR, kehre dich ab von deinem glühenden Zorn und lass dich des Unheils gereuen, das du über dein Volk bringen willst.


2. Mose 32,11.12

Ich habe mich so an die Rede vom lieben und barmherzigen Gott gewöhnt, dass ich bei solchen Versen über den Zorn Gottes irgendwie erschrecke und ins Stocken gerate. Was soll ich davon halten? Was soll ich dazu schreiben?

Dabei gibt es nicht wenige Stellen in der Bibel, die vom Zorn Gottes sprechen. Ganze 330 Mal kommt das Wort Zorn in der Bibel vor. Und manch einer meint, dass die Vorstellung von einem zornigen Gott nur im Alten Testament vorkommt. Doch wer genauer hinschaut, wird schnell merken, dass dies nicht stimmt und in Röm 1,18 lesen: „Denn Gottes Zorn wird vom Himmel her offenbart über alles gottlose Leben und alle Ungerechtigkeit der Menschen, die die Wahrheit durch Ungerechtigkeit niederhalten.“

Wie ein roter Faden zieht sich der Zorn Gottes gleichwie die Gnade Gottes durch die Bibel. Und ich halte dazu fest: Ohne Zorn keine Gnade! Vielleicht ist das jetzt dem einen oder anderen zu pointiert oder gar falsch. Und doch halte ich daran fest.

Wenn ich Gnade recht verstehe, kann nur da von Gnade gesprochen werden, wo Schuld besteht, wo jemand einem anderen etwas schuldig geblieben ist. Gnade ist dann im Spiel, wenn ich etwas anderes verdient habe. Und so ist Zorn die Kehrseite der Gnade. Denn weil Gottes Zorn über menschliche Ungerechtigkeit und Schuld geht und wir nichts anderes verdient haben, ist Gottes Gnade unser Ausweg, unsere Erlösung.

Dabei sollten wir uns den Zorn Gottes nicht als Gemütsregung Gottes vorstellen. Wenn in der Bibel vom Zorn Gottes die Rede ist, ist von Gottes Gerichtshandeln die Rede. Auch das erscheint wie eine fremde Vorstellung von Gott.

Haben wir den richtenden Gott mit Martin Luther nicht abgeschafft? Wer so denkt, hat mindestens Martin Luther missverstanden. Und evangelisch will ich es auch nicht nennen. Denn evangelisch ist nicht die Abschaffung eines richtenden Gottes, sondern der Hinweis auf die (Er)Lösung: Die Gnade Gottes angesichts eines zu recht zornigen Gottes über menschliche Ungerechtigkeit und Schuld!

Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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