Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 21.04.2021


Siehe, ich habe dich geprüft im Glutofen des Elends.


Jesaja 48,10

Sie galt als Oma des Dorfes. Man kannte sie im Dorf. Mit großem Respekt und Anerkennung wurde von Jung und Alt über sie geredet. Und wenn von ihr geredet wurde, erhielt man den Eindruck, dass sie die Verkörperung von Menschenfreundlichkeit war. Jeden Sonntag kam sie zum Gottesdienst. Und selbst bei den Jugendgottesdiensten war sie mit ihren über 80 Jahren dabei. Und nach jedem Gottesdienst kam sie auf mich zu und meinte: „Herr Pfarrer, ich hab nix verstande. Des isch au nix für mich. Aber ich freu mich so sehr über die Jugend in der Kirche.“

Sie selbst sprach nicht viel darüber. Aber von anderen ihr nahestehenden Menschen erfuhr ich es dann doch, dass sie so manchen Schicksalsschlag hinter sich und es insgesamt nicht einfach im Leben hatte. Dieses Mütterlein –und man erlaube mir an dieser Stelle diesen Begriff – war durch den „Glutofen des Elends“ gegangen. Und gleichzeitig hatte sie eine besondere Präsenz der Güte. Ihr konnte man das eigene Herz ausschütten und wusste, dass das bei ihr gut aufgehoben war. Darin waren sich Jung und Alt einig.

Nicht immer macht eigene Leiderfahrung milde. Oftmals macht sie bitter. Die „Oma des Dorfes“ hatte die Prüfungen in ihrem Leben bestanden. Und wenn man sie fragte, verwies sie auf die Gnade Gottes. In allem Leid hatte sie auf wundersame Weise die Gnade Gottes erfahren und gab diese beinahe wie selbstverständlich an andere weiter.

Ich weiß nicht, ob alle Dörfer solche Menschen haben. Ich gehe mal davon aus, dass es sie gibt und dass sie es auch im eigenen Leben gibt, dass wir selbst solchen Menschen begegnet sind, die der „Glutofen des Lebens“ nach Gottes Güte geprägt haben.

Und leise wünsche ich es mir, dass es mir auch so ergehen möge, dass Elend mich nicht hart oder bitter machen, sondern durch Gottes Güte milde.
Dabei will ich nicht übersehen, dass es bei Jesaja die Schuld des Volkes war, die das Volk in das Gericht Gottes geführt hatte. Und wenn das nun auch bei mir so wäre, hoffe ich, dass am Ziel Gottes Gnade und Heil steht – auch in meinem Leben.
Ihr

Martin Reppenhagen, Dekan

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