Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 09.03.2021

Wenn ich auch im Finstern sitze, so ist doch der HERR mein Licht.


Micha 7,8

Während ich mir Gedanken über die Tageslosung mache, spielt mein Sohn am Klavier die Melodien von „So nimm denn meine Hände“ (EG 361) gefolgt von dem irischen Hymnus „Be thou my vision“ und „Von guten Mächten“.
Alle drei Lieder nehmen die Spannung der Tageslosung auf. Wie kann es möglich werden, in Finsternis zu sitzen und doch den Herrn zum Licht zu haben? Wie ist es möglich, dass in tiefer Trauer, in tiefem Schmerz der Sturm der Ängste nicht überhandnimmt? Wie kann dieses „Doch“ auf eine andere Wirklichkeit verweisen, die mir angesichts eines anderen Erlebens zuteil wird?
So dichtet Julie Hausmann in ihrem berühmten Lied „So nimm denn meine Hände“ (EG 376) wie folgt: „Wenn ich auch gleich nichts fühle von deiner Macht, Du führst mich doch zum Ziele, auch durch die Nacht. So nimm denn meine Hände und führe mich bis an mein selig Ende und ewiglich.“ Da ist auch dieses „doch“ zu finden und ich vermute, es ist ein zittriges „Doch“, ein Tränen durchflutetes.
Und in Strophe 3 von „Be thou my vision“ heißt es: „Sei Schutz und Zuflucht mir, Helfer in Not, Kraft und Geduld gib mir, gnädiger Gott. Wenn auch in Ängsten der Sturm mich umtost, schenkt doch dein Wort mir Gewissheit und Trost.“ Und hier wird das „Doch“ in eine sehnsüchtige Bitte an Gott eingebettet.
Und Dietrich Bonhoeffers Gedicht zum Jahreswechsel findet sich dieses „Doch“: „Doch willst du uns noch einmal Freude schenken an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz, dann wolln wir des Vergangenen gedenken, und dann gehört dir unser Leben ganz.“
Doch ich merke, dass ich die Aussage der Tageslosung nicht nachsprechen kann. Manchmal ist es zu viel verlangt, wenn Trauer und Schmerz präsent sind, einfach zu sagen, dass der HERR mein Licht ist. Dann wird dieses glaubende Doch zu schwach, zu leise, zu verzagt, verstummt vielleicht gar.
Da bleibt nur die Bitte um Gottes Schutz, um sein Licht in der Finsternis. Und doch will ich es glauben, dass Gott noch einmal Freude schenken wird.
So ganz will ich von diesem „Doch“ nicht lassen.
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

Archiv – Gedanken zur Tageslosung