Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 02.03.2021

Lehre mich rechtes Urteil und Erkenntnis, denn ich vertraue deinen Geboten.


Psalm 119,66

Seit Ende letzten Jahres übe ich ein neues Fremdwort: Ambiguitätstoleranz. Mittlerweile kann ich es ohne Stocken aussprechen. Das war gar nicht so einfach. Und manchmal komme ich immer noch ins Stocken. Das Wort gibt es in der Psychologie zwar schon seit 1949. Doch in unserem Wortschatz kommt es eher kaum vor. Doch noch viel schwieriger als die Aussprache empfinde ich die Übung darin, mit Spannungen und Uneindeutigkeiten leben zu können. Denn darum geht es bei der Ambiguitätstolerenz. Sie ist besonders in schwierigen Zeiten sehr gefragt und gleichzeitig sehr schwierig.
In solchen schwierigen Zeiten ist „rechtes Urteil und Erkenntnis“ ein teures Gut und menschlich oftmals nicht zu erreichen. Vielmehr leben wir in Zeiten, wo wir nur zu oft erleben, dass sich vermeintlich „rechtes Urteil und Erkenntnis“ im Nachgang als falsch und verfehlt erweist. Hinzu kommt ein Stimmengewirr widersprüchlicher Erkenntnisse und Ratschläge. Das löst dann Unverständnis und weitere Spannungen aus. Wir erleben, dass schwierige Zeiten auch konfliktträchtige Zeiten sind.
Angesichts eigener Begrenzungen und Unzulänglichkeiten wird die Bitte „Lehre mich“ umso verständlicher. Es ist beinahe der Hilferufe eines Menschen, der mit zunehmenden Wissen merkt, wie wenig er doch weiß. Und das ist weise. Denn nur der Weise weiß darum, wie wenig er weiß. Der Dumme weiß es nicht einmal, darum bleibt er auch dumm.
So sollten wir Gott um Ambiguitätstoleranz bitten gleichwie um ein „rechtes Urteil und Erkenntnis“. Das alles tut not in schwierigen Zeiten.
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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