Gedanken zur Losung in schwierigen Zeiten – 19. Januar 2021

Der HERR hat mich gesandt, zu trösten alle Trauernden.

Jesaja 61,1.2

Trösten will gekonnt sein. Denn trösten ist eine hohe Kunst. Und weil wir um unsere eigene Unfähigkeit in diesen Dingen wissen, meiden wir Trauernde. So fragen wir, was sollen wir denn sagen angesichts des Unsagbaren und Unsäglichen. Was ist angemessen in allem Schmerz, in aller Trauer? Weil wir wenige oder keine Antworten finden, bleiben wir gleich selbst fort. Was soll man denn sagen?
Auch das Gegenteil kann passieren. Vor lauter Unsagbarem erkranken wir an „Logorrohoe“, an Sprechdurchfall oder eloquenter formuliert an krankhafter Geschwätzigkeit. Wer nichts Gewichtiges zu sagen hat, kann sich in nichtige Worte verlieren. Auch das kennen wir, haben es schon selbst erlebt – nicht nur bei anderen, wo möglich auch bei uns selbst.
Und so rufe ich in meiner Not: „Siehe, um Trost war mir sehr bange. Du aber hast dich meiner Seele herzlich angenommen, dass sie nicht verdürbe; denn du wirfst alle meine Sünden hinter dich zurück.“ (Jes 38,17)
Und ich hoffe, dass Gott mich tröstet. Nun kann Gott dies gewiss durch ein Wort aus der Bibel tun. Das traue ich Gott zu. Doch viel lieber gebraucht Gott andere Menschen zum Trost. Denn es gibt sie. Jene Menschen, die andere trösten, weil sie selbst erlebt haben, dass ihnen bange war und sie von anderen getröstet wurden.
Dazu bedarf es manchmal nicht vieler Worte, aber umso mehr Anwesenheit, Präsenz.
Im Englischen heißt es „to give someone a shoulder to lean on“, auf Deutsch „jemandem eine Schulter geben zum Anlehnen“. Das ist das Gegenteil von einer kalten Schulter. Wenn mir selbst das Herz schwer wird und ich den Kopf voller Gedanken nicht mehr halten kann, ich nicht mehr gerade stehen kann, darf ich zur Seite fallen und werde doch gehalten.
Dabei wünsche ich mir nicht nur solche Menschen, sondern dass ich selbst zu einem solchen Menschen werde. Denn Gott sendet ja. Dabei hoffe ich, dass sich noch viele andere auch noch senden lassen.
Manchmal reicht es ja schon, den Menschen in der eigenen Nähe Trost zu sein.
Ihr
Martin Reppenhagen, Dekan

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