Fastenspeise in schwierigen Zeiten 23.03.2022


Bischof Christian Stäblein (Evangelische Kirche Berlin-Brandenburg Schlesische Oberlausitz) Samstag, den 19.3.2022

Guten Morgen, liebe Hörerinnen und Hörer,

es ist eine schreckensvolle Zeit. Wir sehen täglich die furchtbaren Bilder aus Mariύpol,
aus Kiew, aus Charkiw. Bombenterror und das Einkesseln von Städten, wie wir es uns
nicht haben vorstellen können. Ich bin Jahrgang 1967, also Nachkriegsgeneration.

Ich bin fassungslos, mit welcher Brutalität der russische Präsident Putin Städte in Schutt
und Asche legt. Wir sehen die Menschen selbst, wie sie bei uns ankommen, Kinder,
Frauen, Männer, geflohen, nichts als ihr Leben in die Hand genommen. Sie wollen
leben. Selbstverständlich nehmen wir sie auf, es ist eine Welle der Hilfsbereitschaft,
auch in ganz vielen Kirchengemeinden. Vor einigen Tagen war ich in der
Markuskirchengemeinde in Steglitz. Sie haben ihren Gemeindesaal gleichsam über
Nacht mit 70 Feldbetten ausgestattet. Das jüngste Kind unter den Flüchtlingen, die hier
sind, ist acht Wochen. Es zerreißt einem fast das Herz.

Hilfe ist selbstverständlich. Und Beten auch. Bitten für den Frieden. Für die Menschen.
Ich bin mir sicher, sie spüren das. Unsere Gedanken zu Gott, unsere Gebete für sie.
Beten und Helfen. Und was noch?

Die Frage, was dem Frieden dient, was ihn gerade auch jetzt befördert, bewegt. Und ist
seit jeher eine Frage auch des Glaubens. In der Nachfolge Jesu hat jede Form der
Gewaltlosigkeit Vorrang. Es ist ein besonderer Frieden: Recht und Vertrauen, zivile
Lösungen, Stärkung von lokalen und globalen Partnerschaften – all das steht vorne in
einer christlichen Friedensethik. Es muss ein gerechter Friede sein, sonst ist es keiner.

Und gerade deshalb zerreißt es mich jetzt fast. Denn es ist zugleich völlig unmöglich,
Menschen sich selber zu überlassen, die Bombenhagel und Tod im Moment wehrlos
ausgesetzt sind. Wer kann da zuschauen und sich noch weiter im Spiegel ansehen. Zur
christlichen Friedensethik gehört deshalb auch, Menschen ihr Recht auf
Selbstverteidigung nicht zu nehmen, gerade auch in völkerrechtswidrigen,
verbrecherischen Angriffskriegen. In solchen Fällen sind auch Waffenlieferungen zur
Unterstützung der Selbstverteidigung legitim, ja womöglich richtig. Zum Schutz der
Schwachen und Schwächsten, zur Abwehr des Übermächtigen. Das ist für einen im
Pazifismus aufgewachsenen Menschen wie mich schwer auszusprechen. Ich ahne, es
geht ganz vielen so. Verzicht auf Gewalt ist ja Kern unserer Botschaft.

Also, es ist so ein Moment, in dem wir schuldig werden, was wir auch tun oder eben nicht tun. Es gehört
zur Würde von Menschen, sich verteidigen zu können und zur Mitmenschlichkeit, das
zu sehen. Das alles nimmt nichts von dem unbedingten Vorrang der zivilen Formen bei
der Suche nach Frieden. Es macht deutlich, wie schrecklich die Zeiten sind. Es zeigt
unsere Verantwortung. Ich bitte, dass Gott uns alle durch diese Zeit trägt, als erstes die
Menschen in der Ukraine.

Bleiben Sie von Gott behütet!

Ihr Martin Reppenhagen
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