Fastenspeise in schwierigen Zeiten 19.03.2022

Die Zeitschrift ZEITZEICHEN zeichnet sich durch lesenswerte Kommentare

zu Religion und Gesellschaft aus. Zu ihren Herausgebern zählen die früheren EKD-Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm und Wolfgang Huber neben vielen anderen namhaften Größen aus der Evangelische Kirche. Auch der Ukainekrieg wird hier thematisiert und diskutiert. Einige Beiträge dazu will ich Ihnen in den nächsten Tagen im Rahmen der Fastenspeise zur Verfügung stellen.

Bitte um den Tyrannenmord (Angela Rinn in ZEITZEICHEN)
Was das Evangelische Gesangbuch in diesen Tagen zu bieten hat

Wer hätte gedacht, dass ich einmal in einer Friedensandacht in der Stille meines Herzens dafür beten würde, dass einen russischen Präsidenten bitteschön ein Herzinfarkt oder Schlaganfall niederstrecken möge – oder meinetwegen auch die Kugel eines Attentäters. Eigentlich bin ich ein Fan von gewaltfreier Streitkultur. Mit 16 Jahren habe ich eigenhändig die Friedenstaube auf meinen Parka gestickt. Auf dem Hamburger Kirchentag 1981 bin ich bei der Friedensdemo ganz vorne mit dabei gewesen. „Frieden schaffen ohne Waffen“ ist mein erklärtes Motto gewesen.
Dann kam Putins Überfall auf die Ukraine. Von einem Tag auf den anderen war die Welt eine andere. Und aus meinem friedfertigen Herzen stiegen plötzlich mordlüsterne Gebete auf. Was war meine Rettung? Die Kirchenmusik! Ich habe seit Kriegsbeginn neu schätzen gelernt, was das Evangelische Gesangbuch an kostbaren Schätzen bereithält. Und – sorry an alle, die Fans solchen Liedgutes sind – das können Lobpreislieder einfach nicht bieten.

Ich gebe hier mal einen Einblick in meine ganz persönliche Playlist in schrecklichen Zeiten:

1. EG 193 Erhalt uns Herr bei deinem Wort. „und steure deiner Feinde Mord“ – selten habe ich das so inbrünstig gesungen wie in den letzten Tagen. Ok – einer strengen Textexegese hält der Vergleich der Feinde mit Putin nicht ganz stand, aber das stört mich gerade nicht. Auch die zweite Strophe ist so anrührend: „beschirm dein arme Christenheit, dass sie dich lob in Ewigkeit“.

2. EG 263 Sonne der Gerechtigkeit. Gerechtigkeit brauchen auch die Menschen in Russland. Keine List noch Macht soll des Himmelreichs Lauf hemmen, Kraft und Mut trotz Tränensaat – das tut gut und tröstet!

3. EG 366 Wenn wir in höchsten Nöten sein. „und wissen nicht, wo aus noch ein.“ In der Tat, so geht es mir und vielen anderen Menschen!

4. EG 398 In dir ist Freude in allem Leide. Hier besonders Strophe 2: „Wenn wir dich haben, kann uns nicht schaden Teufel, Welt, Sünd oder Tod.“

5. EG 396 Jesu meine Freude. „Unter deinen Schirmen bin ich vor den Stürmen aller Feinde frei. Lass den Satan wettern, lass die Welt erzittern, mir steht Jesus bei. Ob es jetzt gleich kracht und blitzt, ob gleich Sünd und Hölle schrecken, Jesus will mich decken. Trotz dem alten Drachen, Trotz dem Todesrachen, Trotz der Furcht dazu!“ Damit ist eigentlich alles gesagt.

6. EG 430 Gib Frieden, Herr, gib Frieden. In der Tat: „die Welt nimmt schlimmen Lauf, Recht wird durch Macht entschieden, wer lügt, liegt obenauf.“

Die Playlist geht natürlich noch weiter. Auch mit der flehentlichen Bitte Martin Luthers: „Verleih uns Frieden gnädiglich, Herr Gott, zu unsern Zeiten!“ EG 421. Letztlich ist das ja unser aller sehnsüchtigster Wunsch: Frieden. Doch es tut auch gut, Zorn und Angst singend Ausdruck zu verleihen. Sogar die Bitte um den Tyrannenmord kann ich singen. Das hat etwas kathartisches und ist, so finde ich, etwas ganz anderes als das „Gott mit uns“ auf Koppelschlössern. Es ist die sehr kreative Möglichkeit, singend Angst, Zorn und Hass in Gottes Hände zu legen.

Angela Rinn ist Pfarrerin und seit 2019 Professorin für Seelsorge am Theologischen Seminar der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau in Herborn. Sie gehört der Synode der EKD an.

Bleiben Sie von Gott behütet!

Ihr Martin Reppenhagen
Archiv – Fastenspeise in schwierigen Zeiten