Fastenspeise in schwierigen Zeiten 18.03.2022

Die Bilder von zerstörten Häusern und Städten, von flüchtenden Menschen verstören mich.

Städte und Regionen wie Charkiw, Odessa, Mariupol, Luhansk und Donezk prägen sich tief ein und werden zu Synonymen eines brutalen und zerstörerischen Angriffskriegs, der in seiner Menschen verachtenden Brutalität nach Auffassung mancher Experten noch zunehmen kann. Die Bilder des Schreckens haben auch bei uns eine große Dynamik freigesetzt. Die Menschen gehen auf die Straßen, um für den Frieden einzustehen. An vielen Orten, in vielen Kirchen wird für den Frieden gebetet. Die Hilfs- und Aufnahmebereitschaft ist groß.

Am Mittwochabend wurde in einem Auslandsjournal Spezial von jungen Ukrainern berichtet, die ansonsten ganz normalen Berufen nachgehen, die mit ihren gerade Mal gut 20 Jahren keine Waffe in der Hand tragen sollten, sondern lieber einen Malerpinsel oder ein Stethoskop. Und doch sind sie da, haben sich rufen lassen, bekennen, wie sie ihre Freiheit, die Freiheit ihres Landes verteidigen wollen. Wie David gegen Goliath sind sie bereit zu kämpfen. Diese Berichte erschrecken mich. Sie erschrecken mich, weil so mancher mit seinem Leben dafür einstehen wird. Ich sehe die Bilder von trauernden Familien und Gemeinden in ukrainisch-orthodoxen Kirchen. Und ihre Zahl wird zunehmen. Unser Gebet kann daher nur sein, dass wir vor Gott um ein Ende dieser zu unzähligem Leid führenden Schandtat flehen.

Aus den Berichten nehme ich auch mit, wie entschlossen sich die Interviewten für die Verteidigung von Freiheit einsetzen. Die Freiheit ihres Landes ist es ihnen wert, diese – und wenn es sein muss – mit Waffen zu verteidigen. Auch das geht mir nach. Kann es sein, dass das auch zu meinem Gebet werden muss? Ich bete, dass ihr Einsatz nicht vergeblich ist, dass die Verteidigung von Recht und Freiheit gegen alle Gewalt erfolgreich ist.

Ich befürchte, dass mein Gebet um Frieden und Unversehrtheit der Menschen – so sehr ich es täglich tue – nicht reicht, wenn nicht auch mein Gebet für jene Menschen hinzukommt, die Recht und Freiheit – und wenn es sein muss mit Waffen – verteidigen.

Dazu habe ich einen Brief des wohl bedeutendsten Theologen des 20. Jahrhunderts Karl Barth gefunden, der 1938 folgendes schrieb:
Die Kirche kann und muß wohl den Frieden verkündigen; sie muß aber in jeder neuen Situation neu offen sein dafür, aus Gottes Wort zu hören, was jeweilen unter Frieden zu verstehen ist. Sie kann sich also nicht darauf festlegen, daß dieser Friede durchaus und unter allen Umständen darin bestehen müsse, daß nicht geschossen wird.
Die Kirche muß darum beten und darum muß sie auch dafür arbeiten, daß der Staat nach innen und außen ein rechter Staat sei. Zum rechten Staat gehört auch das, daß er den Frieden schützt: aber eben schützt und zwar den Frieden, der der Gerechtigkeit und der Freiheit dient und in Gerechtigkeit und Freiheit zustande kommt.

Um des rechten Friedens willen darf die Kirche dem Staat nicht wehren, das Schwert zu führen. Und wieder um des rechten Friedens willen darf sie nicht von ihm verlangen, daß er das Schwert „umsonst führe” (Röm. 13, 4). Wenn der Staat den Frieden nicht mehr anders schützen kann, dann muß er ihn mit dem Schwert schützen. Die Kirche wird darum beten und dafür arbeiten, daß das nicht nötig werde. Sie wird sich aber die Augen nicht verschließen vor der eintretenden Notwendigkeit — es kann sogar sein, daß sie diese früher sehen muß als der Staat selber!! — und sie wird dann ihren Gliedern sagen, daß sie „dem Kaiser geben sollen, was des Kaisers ist.”

Im Zeitalter der Diktaturen muß die Kirche in allen noch nicht von ihnen beherrschten Ländern mit dem Willen zum rechten Frieden auch die Bereitschaft zu dessen Verteidigung gutheißen und fordern. Sie hat um des Evangeliums willen und durch die Verkündigung des Evangeliums den demokratischen Staat aufzurufen, um jeden Preis, auch um den von Not und Untergang, starker Staat zu sein, das heißt: den Diktaturen an seinen Grenzen mit allen Mitteln Halt zu gebieten. Und sie hat ihren Gliedern um des Evangeliums willen und durch die Verkündigung des Evangeliums zu sagen, daß es etwas gibt, das schlimmer ist als Sterben und als Töten: das freiwillige Jasagen zu der Schande der Herrschaft des Antichrist.

Diese Zeilen bewegen mich, sind sie doch 1938 geschrieben worden, also in jener Zeit, in der die Mehrheit der Deutschen, auch Christen, einem falschen Messias folgten und viele Christen in anderen Ländern sich fragten, ob militärische Mittel gegen den Tyrannen nach christlichem Glauben und biblischem Zeugnis zu rechtfertigen sind. Und Barth antwortet, dass es gar kirchliche Pflicht sei, wenn der Staat seiner Pflicht auf Verteidigung eines rechten Friedens nachkommt, die Christenmenschen an ihre Pflicht zu erinnern, dem Ruf des Staates zur Verteidigung mit dem Schwert zu folgen. Das sind schwere Sätze und Forderungen! Sie wiegen schwer in mir und ich befürchte, dass ich sie nicht fassen kann.

Was bedeuten diese Zeilen aus dem Jahr 1938 für ukrainische Kirchen und Soldaten, für unsere Sicht auf Krieg und Verteidigung von Recht und Freiheit in der Ukraine und damit in Europa?

Bleiben Sie von Gott behütet!

Ihr Martin Reppenhagen
Archiv – Fastenspeise in schwierigen Zeiten