Fastenspeise in schwierigen Zeiten 17.03.2022

Friedensethik gestern und heute (Prof. Dr. Thorsten Dietz in Pro-Medienmagazin)

„Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts war es selbstverständlich, Krieg als legitimes Mittel der Politik zu sehen. Die Ausbreitung der Nationen gemäß ihrer inneren Stärke galt als natürliches Gesetz der politischen Welt.

Die neuere christliche Ethik hat nach den Weltkriegen mit solchen Vorstellungen radikal gebrochen. Grundlinien evangelischer Friedensethik sind folgende:
 Krieg ist kein Mittel der Politik. Gewalt kann niemals ein akzeptabler Weg sein, vermeintliche Ansprüche durchzusetzen. Angriffskriege sind unbedingt zu ächten.
 Stärke des Rechts statt Recht des Stärkeren. Die vermeintlichen Interessen von Nationen und Völkern können niemals das Selbstbestimmungsrecht von Menschen und Völkern ignorieren. Alle Nationen bedürfen der Einbindung in eine internationale und multipolare Friedensordnung.

 Frieden ist kein Zustand, sondern ein Prozess. Der bloße Nichtkrieg ist das absolute Minimum. Frieden im vollen Sinne ist ein vielschichtiger Prozess: Anerkennung von Sicherheitsinteressen, Förderung von sozialer Gerechtigkeit über Grenzen hinweg, inklusive gerechter Teilhabe an Rohstoffen, Freizügigkeit etc., vielfältige Begegnungen von Menschen im Rahmen von Tourismus, Kultur, Sport und Dialog der Religionsgemeinschaften.

 Rechtserhaltende Gewalt als Ultima Ratio. Im Extremfall massiver Verletzung elementarer Menschenrechte kann der Einsatz rechtserhaltender Gewalt nicht ausgeschlossen werden. Dabei ist es selbstverständlich, dass militärische Aktionen niemals Frieden sichern können, sondern friedensförderndes Handeln neu möglich machen müssen.

Phantasie für den Frieden
In dem Maße, wie wir militärische Abschreckung wieder deutlicher als unverzichtbar betonen, gilt umso entschiedener: Wir brauchen mehr Phantasie für den Frieden, nicht weniger.
Die Notwendigkeit einer strikten Abgrenzung von der gegenwärtigen russischen Führung muss verbunden werden mit der dringenden Frage, wie wir Beziehungen zu Russland und zu allen russischen Menschen insgesamt neu aufbauen.

Gerade weil wir in der gegenwärtigen Situation die Opfer und die Schuldigen dieser Eskalation deutlich benennen sollten, verbietet sich jede verallgemeinernde Rede über Russinnen und Russen.
Dringender als je zuvor brauchen wir Menschen, die Brücken bauen können: in der Nachbarschaft, in Kultur, Sport und Ökumene oder in den sozialen Netzwerken.
Weil wir Frieden mit Russland brauchen und wollen, benötigen wir alle Phantasie, jedes Nein zu Putins Krieg mit einem vielstimmigen Ja zu einer Erneuerung von Dialog und Austausch zu verbinden. In diese Richtung weist uns das Wort der Bergpredigt: „Selig sind, die Frieden stiften“ (Mt 5,9).“

Bleiben Sie von Gott behütet!

Ihr Martin Reppenhagen
Archiv – Fastenspeise in schwierigen Zeiten