Fastenspeise in schwierigen Zeiten 16.03.2022

Als junger Christ habe ich

mit Faszination Franz Alts Frieden ist möglich. Die Politik der Bergpredigt (1983, in dieses Jahr fiel der Beginn meines Zivildienstes, denn ich war staatlich anerkannter Kriegsdienstverweigerer) gelesen. Darin setzte er sich für die Überwindung der Spaltung von Religion und Staat ein und begründete die Bedeutung der Bergpredigt für die Politik. Dezidiert sprach er sich gegen das „Gleichgewicht des Schreckens“ sowie ein atomares Wettrüsten aus. Er selbst nannte sich „Atom-Pazifist“ – und ich mich auch. „Frieden schaffen ohne Waffen“ war des Slogan der Zeit. Entweder gelingt es uns, angetrieben von der Idee der Feindesliebe, die Atombomben abzuschaffen, oder die Atombomben werden irgendwann uns abschaffen“, so Franz Alt. Und so wird die Feindesliebe bei Alt zum politischen Gebot.

Das ist die Tradition, aus der ich komme, und diese Tradition zeigt sich in vielen Äußerungen evangelischer Kirchen. Die letzte große friedensethische Verlautbarung aus dem Raum der EKD war die Kundgebung der 12. Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland in Dresden 2019 „Kirche auf dem Weg der Gerechtigkeit und des Friedens“. Die Mitglieder der Synode verpflichten sich selbst auf einen konsequenten „Weg der Gewaltfreiheit“, das heißt darauf, Jesus mit „aktivem Gewaltverzicht“ zu folgen. Sie „rufen die politisch Verantwortlichen dazu auf, militärische Gewalt zu überwinden“. Statt in Rüstung soll das Geld in Prävention investiert werden: „Prävention ist die nachhaltigste Form der Friedenssicherung. Deshalb fordern wir die Priorisierung von Haushaltsmitteln des Bundesetats – mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts – für entwicklungspolitische Maßnahmen, für die Bekämpfung von Gewaltursachen, für Krisenprävention, für gewaltfreie Konfliktbearbeitung und für Nachsorge und zivile Aufbauarbeit in Krisenregionen.“

Und weiter ist zu lesen: „Die Erfahrung zeigt, dass Menschen, Gemeinschaften und Staaten in der Lage sind, Probleme und Konflikte in allen Bereichen des gesellschaftlichen und politischen Lebens auf konstruktive und gewaltfreie Weise zu bearbeiten. Es gibt erprobte Konzepte und Instrumente dafür, Wege aus Gewalt und Schuld zu finden, einander vor Gewalt zu schützen und Versöhnungsprozesse zu gestalten – in Friedenszeiten wie in Krisen- und Kriegssituationen.“

Leider schweigt sich die Kundgebung darüber aus, was passiert, wenn jemand diesem Nachstrebens werten Ansatz nicht folgen will. Was ist, wenn der andere zu den Waffen greift und sich zum Feind macht? Sind dann Scherbenhaufen unvermeidbar und wird gar der eigene Friedensansatz zu einem Scherbenhaufen?

Erneut lese ich bei Dietrich Bonhoeffer: „Kein Mensch hat den Auftrag, die Welt zu überspringen und aus ihr das Reich Gottes zu machen.“ Was heißt das für eine Politik Jenseits von Eden?

Bleiben Sie von Gott behütet!

Ihr Martin Reppenhagen

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