Fastenspeise in schwierigen Zeiten 14.03.2022

„Wenn ein Minister den Tränen nah ist“,

titelt die Süddeutsche Zeitung und meint den grünen Wirtschaftsminister Robert Habeck gestern bei Anne Will im Ersten Deutschen Fernsehen. Eine kurze Zusammenfassung seiner Aussagen lautet wie folgt:

„Bei Kohle und bei Öl und selbst bei Gas sind wir dabei, Schritt für Schritt uns unabhängig zu machen – nur eben nicht sofort“, benennt Habeck das Dilemma: „Das ist bitter. Das ist auch moralisch nicht schön, das zuzugeben, aber das können wir noch nicht.“

„Wenn man jetzt sofort den Schalter umlegt, wird es in Deutschland zu Lieferengpässen, zu Lieferabbrüchen kommen, zu Massenarbeitslosigkeit, zu Armut, zu Menschen, die ihre Wohnung dann nicht mehr heizen können, zu Menschen, die kein Benzin mehr haben. Und dazu muss man dann stehen – und zwar mehrere Monate, vielleicht Jahre stehen.“

Damit zeigt Harbeck ein moralisches sowie politisches Dilemma auf, das an Skylla und Charybdis erinnert. Laut Homer musste Odysseus mit seinem Schiff durch die Meeresenge zwischen zwei Ungeheuern hindurch und war vor eine unausweichliche Wahl gestellt. Dabei können sich Wahlen leicht als Qualen erweisen.

Auch in der Ethik ergeben sich solche Fragen und Herausforderungen. Wie gestalten wir unser Leben und diese Welt? Was ist richtig oder falsch? Was ist jetzt moralisch geboten? Gern wird in solchen Diskussionen zwischen einer Gesinnungs- und einer Verantwortungsethik unterschieden. Nach Max Weber folgt eine Gesinnungsethik eindeutigen moralischen Prinzipien, fragt allerdings nicht nach den Konsequenzen. Eine Verantwortungsethik fragt auch nach den Konsequenzen und ist daher zu Kompromissen in der Moral bereit. Wenn man so will, folgt Robert Habeck einer Verantwortungsethik.
Das erinnert an Dietrich Bonhoeffer, der in seiner Ethik von einer „Schuldübernahme“ spricht. Damit meint er Situationen, in denen das eigene Handeln in Schuld führt, ein Nichthandeln aber ebenso. Was bleibt ist ein Abwägen zwischen Schuld und Schuld. Ein Ausweichen auf ein reines Gewissen und eine eindeutig gute Moral sind nicht mehr möglich. Nur so konnte sich Bonhoeffer für die Unterstützung des Tyrannenmordes entscheiden. Denn politische Verantwortung übernehmen, bedeutet für Bonhoeffer auch „Schuldübernahme“.

Die momentane Situation konfrontiert uns plötzlich mit Fragen, die wir bislang für eindeutig beantwortet hielten. Wie steht es um Krieg und Frieden nach Gottes Willen? Ist nur der „gerechte Friede“ nach Gottes Wille und einen „gerechten Krieg“ gibt es nach Gottes Willen nicht (so die EKD)? Oder ist es mit Dietrich Bonhoeffer nicht mehr so eindeutig?

„Die letzte verantwortliche Frage ist nicht, wie ich mich heroisch aus der Affäre ziehe, sondern wie eine kommende Generation weiter leben soll. Nur aus dieser geschichtlich verantwortlichen Frage können fruchtbare – wenn auch vorübergehend sehr demütigende – Lösungen entstehen. Es ist sehr viel leichter, eine Sache prinzipiell als in konkreter Verantwortung durchzuhalten.“ (Dietrich Bonhoeffer, Widerstand und Ergebung)

Bleiben Sie von Gott behütet!

Ihr Martin Reppenhagen

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