Fastenspeise in schwierigen Zeiten 08.03.2022

Kain und Abel in Europa

2001 erschien der Roman Kain und Abel in Afrika, in dem der damalige ZEIT-Journalist Hans Christoph Buch seine Erfahrungen und Berichte aus den Jahren 1994-1997 in Ruanda aufnimmt, in denen Tutsis Hutus töteten und Hutus Tutsis. Je nach Berechnung fielen diesem Völkermord 500.000 bis 1.000.000 Menschen zum Opfer. Hier fiel erneut Kain über Abel her, wobei im Laufe der Geschehnisse nie genau auszumachen war, wer nun wer war. Aus Kain wird Abel, aus Abel Kain.

Kain und Abel begegnen uns an vielen Orten – in Familien und Dörfern, zwischen Völkern und Nationen. Kain und Abel begegnen uns im Krieg Russlands gegen die Ukraine. Denn im Kiewer Rus und bei Wladimir dem Großen (960-1015) liegen die gemeinsamen Wurzeln von Russland und Ukraine. Die Stephanskathedrale und das Kiewer Höhlenkloster sind Bauzeugnisse aus dieser Zeit, die ich 1987 auf einer dreiwöchigen Reise zwischen St. Petersburg, Moskau und Rumänien bewundern konnte. 1942 wurde das Höhlenkloster von deutschen Truppen gesprengt, damit von den Nazis unterworfene Völker keine identitätsstiftende Kultstätten mehr hätten.

Die gemeinsamen Wurzeln von Russen und Ukrainern aufnehmend rief der Metropolit der Ukrainischen Orthodoxen Kirche Onufrij (Berezovskij) dazu auf, den Bruderkrieg sofort zu beenden. „Das ukrainische und das russische Volk entstammen dem Taubecken des Dnipro, ein Krieg zwischen diesen Völkern ist eine Wiederholung der Sünde Kains, der seinen eigenen Bruder aus Neid tötete. Für einen solchen Krieg gibt es keine Entschuldigung, weder von Gott noch von den Menschen.“ Bereits am 25. Februar hatte Metropolit Onufrij angeordnet, die Keller aller Gotteshäuser in Kiew für Schutz suchende Bürger zu öffnen, um Sicherheit vor Granaten und Bomben zu bieten. (www.noek.info; Nachrichtendienst östliche Kirchen) Brisant daran ist, dass die Ukrainisch Orthodoxe Kirche zum Moskauer Patriarchat gehört und sich dessen Patriarch Kirill auf die Seite Wladimir Putins gestellt hatte.

In der Urgeschichte von Kain und Abel begegnen uns Kränkung (Abels Opfer nimmt Gott an, Kains nicht), Zorn und Groll im Herzen von Kain („Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“), Eskalation und Aggression (Kain tötet seinen Bruder Abel) sowie der Schwere und die Folgen von Schuld („Meine Strafe ist zu schwer, als dass ich sie tragen könnte.“). Und so fließt Blut bei den Blutsbrüdern. Mehrfach betont der Text, dass sie doch Brüder sind. Schuld nimmt ihren Lauf und wird doch von Gott begrenzt.

Mit Kain und Abel ist uns die Mahnung mitgegeben: „Wenn du Gutes im Sinn hast, kannst du den Kopf frei erheben; aber wenn du Böses planst, lauert die Sünde vor der Tür deines Herzens und will dich verschlingen. Du musst Herr über sie sein!“ (1Mose 4,7 Gute Nachricht)

Bleiben Sie von Gott behütet!

Ihr Martin Reppenhagen

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