Bezirkssynode diskutiert das Gesprächspapier „Christen und Muslime“

Weingarten 9. November 2018 – Das Gesprächspapier der Evangelischen Landeskirche in Baden wurde im Juli veröffentlicht und von der Landessynode zur Diskussion in den Kirchenbezirken weitergegeben. Diesen Impuls nahm die Synode des Kirchenbezirks Karlsruhe-Land auf und lud Prof. Dr. Henning Wrogemann (Wuppertal/Bethel) zu einem Vortrag ein.

Grundlage des Vortrags des Vorsitzenden der Deutschen Gesellschaft für Missionswissenschaft und anerkannten Religionswissenschaftlers war seine intensive Beschäftigung mit dem badischen Gesprächspapier. So ging er in mehreren Thesen der Frage nach der Basis eines christlich-muslimischen Gesprächs nach und äußerte sich kritisch zum Gesprächspapier. In der sich anschließenden Diskussion, in der Wrogemanns herausfordernde Thesen aufgenommen wurden, stießen diese auf mehrheitliche Zustimmung, wobei sich auch Widerspruch zeigte. So wurde angemahnt, warum nicht auch die Verantwortlichen des Gesprächspapiers eingeladen wurden oder das Alte Testament zu wenig Beachtung fand.

Im Folgenden sollen die Thesen Wrogemanns, der auch viel zum Islam veröffentlicht hat, zusammengefasst werden. Die gesamten Thesen Wrogemanns sowie das Gesprächspapier finden Sie jeweils als PDF-Datei in der Mediathek.

Gespraechspapier

2018 A Wrogemann 09-11-2018 Bezirkssynode Karlsruhe Land

Zusammenfassung (Von Dekan Dr. Martin Reppenhagen)

Würdigung des Papiers

Eingangs würdigt Wrogemann die Intention des Papiers und stellt heraus: „In einer pluralen Gesellschaft sind zivilgesellschaftliche Akteure dazu aufgerufen, zum Besten der Gesellschaft zu wirken, indem sie gegenseitiges Verstehen als auch ein wertschätzendes Handeln befördern und dort, wo es möglich und sinnvoll ist, konstruktiv zusammenarbeiten.“ Auch in der sich anschließenden Diskussion stellte er die Bedeutung des Dialogs zwischen den Religionen deutlich heraus.

Der sich an Übereinstimmungen orientierende Ansatz des Gesprächspapiers

In den folgenden Thesen setzt sich Wrogemann dann mit dem Konvergenz hermeneutischen Ansatzes des Papiers auseinander. Nach diesem Ansatz gilt es, sich in der Begegnung vor allem auf jene Inhalte zu konzentrieren, die zwischen den beiden Religionen konvergieren, d.h. sich annähern oder übereinstimmen. So beten Muslime „auf ihre Weise“ den einzigen Gott an, den auch Christen anbeten. Dies wird im Papier auch auf verschiedene Motive wie das Reden Gottes, Barmherzigkeit und Liebe angewandt. Insgesamt fällt auf, dass für die Begegnung zwischen Christen und Muslimen Begrifflichkeiten aus der christlichen Ökumene aufgenommen werden. Was für die kirchliche Ökumene gilt, soll nun auch für die christlich-muslimische Begegnung aufgenommen werden.

Wesentliche Inhalte des christlichen Glaubenszeugnisses werden untergeordnet

Mit diesem Ansatz, so Wrogemann, verschiebt das Gesprächspapier die „betreffenden Motive von christlichen Positionen weg und hin zu koranischen Positionen“. Dabei werden „entscheidende neutestamentliche Motive und christliche Glaubensinhalte“ ausgeblendet. Diese grundlegende Kritik führt Wrogemann aus.

So spricht das Gesprächspapier mit Blick auf Jesus von der „Geschichte der Selbstkundgabe Gottes“, die in „Christus Jesus“ ihre „Mitte“ habe, wobei Begriffe wie Sohn Gottes, Menschwerdung und Inkarnation und damit zentrale Begriffe des christlichen Zeugnisses von Jesus Christus ausbleiben. Indem vom Reden Gottes und nicht von der Menschwerdung Gottes die Rede ist, nimmt man eine koranische Sicht auf. Dem gegenüber steht, dass es im Neuen Testament nicht primär um Gottes Reden, sondern um seine Menschwerdung in Jesus von Nazareth geht.

Vergleichbares lässt sich von der Barmherzigkeit Gottes sagen, die vom Gesprächspapier als beiden Religionen konvergent (überlappend) genannt wird. Zwar anerkennt Wrogemann, dass von der Rechtfertigung allein durch Gottes Gnade gesprochen wird, jedoch der Christus- und Glaubensbezug (propter Christum per fidem) unterbleibt.

Zum Stichwort Liebe hält Wrogemann fest, dass es im Neuen Testament nicht allgemein um Liebe gebt, sondern um Gottes Liebe, wie sie sich in Jesus Christus bis hin zum Tod am Kreuz zeigte. Im Verweis auf eine bedingungslose Liebe unterscheidet sich das NT vom Koran, der eine solche Liebe Allahs nicht kennt. (Anmerkung Martin Reppenhagen: Darauf wird u.a. vom Friedenspreisträger des Deutschen Buchhandels 2015 Navid Kermani in seinem Buch Ungläubiges Staunen: Über das Christentum, München 2016 hingewiesen.)

Wrogemann kommt zum Fazit: „Das GP sucht als Basis des Gesprächs eine Grundlage auszuweisen, die möglichst nahe an muslimischen Positionen liegt, um den Preis, dass die zentralen Inhalte des christlichen Glaubensbekenntnisses faktisch verschwiegen, umgedeutet oder verunklart werden.“

Das Gesprächspapier wird dem Koran nicht gerecht

Im Folgenden führt Wrogemann schließlich aus, dass das Papier an zentralen Stellen nicht nur nicht dem neutestamentlichen Zeugnis, sondern auch dem Koran nicht gerecht wird.

So spricht das Gesprächspapier von einer Hochschätzung von Jesus/Isa im Koran, wobei die polemische Gesprächssituation zwischen Muhammad und den Leuten des Buches ausgeblendet wird. Die (damalige) Konkurrenzsituation zwischen koranischen und christlichen Ansprüchen bleiben außer Acht. So bleibt Jesus im Koran Gesandter und Prophet, jedoch nicht Sohn Gottes. Sein Handeln bis zum Tod geschieht nicht stellvertretend, sondern in Eigenverantwortung, wobei bei der Kreuzigung eine Verwechslung erfolgt.

Ausgehend von den Unterschieden hält Wrogemann zunächst fest, dass Christen und Muslime davon ausgehen, dass es nur einen Gott gibt. Allerdings sind die Gottesbilder von Neuem Testament und Koran unvereinbar in dem, „worauf es ihnen zentral ankommt“. Wrogemann verweist auf das Heilshandeln des dreieinen Gottes, auf das Geschehen zwischen Vater und Sohn, auf die Menschwerdung in Leben, Sterben am Kreuz und Auferstehung. Gerade der Glaube an den dreieinen Gott ist der Rede von der Einzigkeit Gottes nicht unterzuordnen, sondern wesentlicher Bestandteil jeden interreligiösen Dialogs.

Dialog auf Basis von Wertschätzung, Zusammenarbeit und Geheimnis

Wrogemanns Fazit, dass der Konvergenzansatz nicht weiterführend ist, folgen Hinweise auf einen Alternativansatz. So plädiert Wrogemann dafür, nicht alles wissen zu wollen und von Totalaussagen Abstand zu nehmen. Vielmehr geht es um gegenseitige Wertschätzung, was „etwas Anderes als theologische Anerkennung“ ist. „Wertschätzung spürt man im Umgang miteinander, im Ton, der angeschlagen wird, in der Achtsamkeit und im Respekt. Dafür aber braucht es eine theologische Selbstrelativierung nicht.“ Des Weiteren geht es um Zusammenarbeit, um Kooperation. Und schließlich geht es um Geheimnis. „Selbstverähnlichung im Blick auf den anderen ist nicht erforderlich.“

Wie ein roter Faden zieht sich durch Wrogemanns Thesen der Hinweis, dass ein Zurücknehmen der eigenen Glaubensposition im Dialog eher zu Irritationen führt, „da muslimische Gesprächspartner von ihrer Koranlektüre her bereits wissen, dass es substantielle Unterschiede geben muss. Wenn Christen/innen diese verschweigen oder herunterspielen, dann wirkt dies wenig glaubhaft und schon gar nicht überzeugend.“

Weiterarbeit im Kirchenbezirk

In den nächsten Wochen kommt es zu einem synodalen Gesprächsprozess, in dem das Gesprächspapier nochmals aufgenommen und diskutiert wird. Ziel ist es, ein Votum der Bezirkssynode zu verabschieden, das dann in die Beratungen der Landessynode einfließen soll.

Zum Gesprächspapier heißt es in einer Pressemeldung der Landeskirche vom Juli 2018:

Die badische Landeskirche hat für ihre Gemeinden ein Gesprächspapier zum Dialog zwischen christlichen und muslimischen Gläubigen herausgegeben. Ziel der Handreichung ist es, Impulse für interreligiöse Begegnungen zu geben und die Diskussion innerhalb der Kirche anzuregen. Anhand zentraler theologischer Fragestellungen werden u. a. Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Bibel und Koran aufgezeigt und Anregungen für die kirchliche Praxis formuliert. Bis 2019 soll das Papier in allen Kirchenbezirken diskutiert werden, bevor die Landessynode 2020 aufgrund der Rückmeldungen eine Erklärung verabschiedet.

Das Gesprächspapier orientiert sich am Gedanken einer christlich-muslimischen Weggemeinschaft und will Chancen und Grenzen des Dialogs aufzeigen. „Religiöser Verschiedenheit wollen wir offen und gesprächsbereit begegnen“, erklärte die landeskirchliche Islambeauftragte Elisabeth Hartlieb. Gottes Spuren auch woanders zu vermuten, mache den christlichen Glauben nicht kleiner, sondern bereichere ihn. In diesem Sinn sei das christlich-islamische Gespräch ein wichtiger kirchlicher Auftrag und diene dem gesellschaftlichen Zusammenleben ebenso wie der Vergewisserung über den eigenen Glauben.

Ausgehend von biblischen Perspektiven werden im Gesprächspapier neun theologische Themenfelder beleuchtet. So verbinde das Christentum und den Islam ihre Bezugnahme auf die jeweiligen heiligen Schriften und miteinander verwandte Traditionen. Gleichwohl zeige sich im Verständnis der Sendung Jesu Christi ein zentraler Unterschied. So lasse sich im Koran eine hohe Wertschätzung Jesu als Prophet erkennen, im Christentum sei er Zentrum des Glaubens. Das müsse im interreligiösen Dialog zur Sprache kommen.

Zum Gottesverständnis schreibt das Verfasserteam: „Wir verehren als Christen und Muslime den einen Gott, den wir Christen als dreieinig bekennen.“ Auch im Dialog sei das Bekenntnis zu Gott als Vater, Sohn und Heiliger Geist daher grundlegend. Gemeinsame Herausforderungen zeigten sich im Umgang mit religiöser Gewalt, im Eintreten für Religionsfreiheit sowie in der Ethik. „Gemeinsam mit Menschen muslimischen Glaubens nehmen wir Verantwortung für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung wahr“, heißt es programmatisch im Gesprächspapier.

In Bezug auf die praktische Gemeindearbeit wollen die Autoren zu einer vertieften Auseinandersetzung mit dem Islam motivieren. Schon jetzt gebe es Ansätze zu gemeinsamen religiösen Feiern oder zu interreligiöser Bildung, die Räume für die Begegnung von christlichen und muslimischen Gläubigen böten. Die aufgezeigten Themen sollen dabei die Grundlage für weitere Schritte bilden. „In der kirchlichen Arbeit ist es von großer Bedeutung, dass die Mitarbeitenden für den interreligiösen Dialog qualifiziert und ermutigt werden“, heißt es in dem Gesprächspapier.